18. April 2016 – Gespräch mit Geschäftsführer der Münchner Arbeitsagentur Neubauer

Harald Neubauer und Doris Wagner

Harald Neubauer und Doris Wagner

Da mir die aktuelle Situation auf dem Arbeits- und Ausbildungsmarkt für Menschen mit Fluchthintergrund ganz besonders am Herzen liegt, habe ich Herrn Neubauer zum zweiten Mal besucht. Ich war gespannt auf das Gespräch, denn ich wollte wissen, wie die Fähigkeiten der Geflüchteten erhoben werden und welche Maßnahmen die Arbeitsagentur anbietet, um die Menschen in den Ausbildung- und Arbeitsmarkt zu integrieren.

Zahlen

Wie viele Flüchtlinge leben tatsächlich in München? Da variieren die Zahlenangaben. Tatsächlich wurden 16.000 im April 2016 erfasst. Genaue statistische Angaben sind als Planungsgrundlage unabdingbar.
Unter der Vormundschaft des Münchner Jugendamts stehen 5.000 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Tatsächlich leben davon aber nur 2.500 in München, die Anderen verteilt über das ganze Bundesgebiet.

In München sind unter den Geflüchteten weniger Syrer, dafür aber mehr aus Afghanistan. Afghanen können aber wegen der geringeren Bleibeperspektive nicht für Deutschkurse von der Agentur gefördert werden. Das trifft genauso Menschen aus Somalia, Pakistan und Nigeria. Aus rechtlichen Gründen dürfen nur Diejenigen mit hoher Bleibeperspektive (aus Irak, Iran, Eritrea und Syrien stammend) an Deutschkursen teilnehmen. Das führt zu Spannungen in den Gemeinschaftsunterkünften.

Von den Asylantragstellern 2015 sind die meisten sehr jung und männlich: Fast zwei Drittel (71 %) sind unter 30 Jahren, 27 % zwischen 30 bis 55 Jahre und nur 2 % 55 Jahre alt bzw. älter. Das bedeutet, dass viele sehr junge und Menschen mittleren Alters ihre Heimat verlassen und nach Deutschland kommen.

Ausbildung

Haben die Geflüchteten eine Schul- bzw. Berufsabschluss? Ja, ein Fünftel verfügt über eine akademische oder schulische bzw. berufliche Ausbildung. Ca. 80 % besitzen keinen formellen Berufsabschluss. Geflüchtete aus Syrien verfügen in der Regel über eine etwas bessere Schul- bzw. akademische Ausbildung. Nachdem die Anerkennung auf Gleichwertigkeit der Abschlüsse von deutscher Seite aus vereinfachet wurde, ist sie im Einzelfall jedoch immer noch schwierig: So fehlen zum Beispiel Dokumente. Sie wurden vergessen, auf die Flucht mitzunehmen. Die Industrie- und Handelskammern führen deswegen praktische Prüfungen durch. Falls die Punkteanzahl für die Anerkennung eines gleichwertigen Abschlusses nicht ausreicht, kann die Agentur für Arbeit gezielt Maßnahmen anbieten.

Maßnahmen

Welche Maßnahmen bietet die Arbeitsagentur? Insgesamt wurden mehr Stellen für die Betreuung der Geflüchteten geschaffen. Dieses neue Team „Flucht“ kümmert sich insbesondere um die Bedürfnisse der Flüchtlinge, die noch nicht asylberechtigt sind. Es geht an Sprechtagen in die Gemeinschaftsunterkünfte, um Daten aufzunehmen und Anmeldungen für Deutschkurse durchzuführen.

Da im Prozess der Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis drei unterschiedliche Behörden (BAMF, Ausländerbehörde und Arbeitsagentur) mitwirken, ist Neubauer die enge Zusammenarbeit mit Entscheidungsträgern wichtig. Aus diesem Grund hat der Vorsitzende der Geschäftsführung das erste Spitzengespräch „Arbeit und Flucht“ am 15.4.2016 initiiert. Es soll zukünftig regelmäßig als runder Tisch stattfinden.

Was ist das Ziel der Maßnahmen? Sie sollen zum Start in einen Arbeitsvertrag bzw. den Beginn einer Ausbildung verhelfen, die dann entsprechend begleitet wird.

Münchner Unternehmen

Beindruckend ist die Bereitschaft Münchner Unternehmen: Mit ihren Projekten engagieren sie sich für die Integration der Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt. Die Liste der Teilnehmer liest sich wie das Who is who Münchner Firmen: Allianz, BMW, Linde, Siemens, Deutsche Bahn, DB Fahrwegdienste GmbH, Krauss Maffei, Dr. Sasse, McDonalds, Deutsche Post, IKEA, Süddeutsche Zeitung, Hypo Vereinsbank, REWE, Rossmann, Bonago, Riedl Bau, Hotel Maritim, Residenztheater, SAP, Tank und Rast, Messe München, L’Osteria, Yorma’s, Wirtshaus an der AU und HaarWerk. Über alle Branchen hinweg werden Bewerber unterschiedlich hoher Qualifikationsgrade gesucht. So führt z. B. Siemens eine Einstiegsqualifikation für zukünftige Auszubildende durch, die Deutsche Bahn bietet Ausbildungsplätze für Mechatroniker und die Allianz qualifiziert beim Deutschlernen.

Ein wichtiges Ziel der Initiativen ist, Ausbildungsplätze an Flüchtlinge zu vermitteln. Leider ist die Abbruchquote dieser Auszubildenden im Moment sehr hoch, da die jungen Männer viel Geld für ihre zurückgebliebenen Familien und teilweise auch noch für die Schlepper zahlen müssen. Sobald sie in anderen Jobs mehr verdienen, brechen sie die Ausbildung ab.

Geflüchtete Frauen reagieren bis jetzt eher verhalten bei der Ausbildungs- und Jobsuche. Hierfür müssen die Gründe gesucht, Angebote konzipiert und die Frauen dann direkt angesprochen werden.

Ich bin sehr froh, über das Engagement der Arbeitsagentur München und werde die Maßnahmen mit großem Interesse weiter verfolgen. Ich freue mich, in nächster Zeit Münchner Unternehmen zu besuchen. Vor Ort kann ich die Erfahrungen mit den Projekten hautnah erleben und darüber berichten!

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