18. März 2015 – ‚AG Soldatinnen in der Bundeswehr‘ – Diskussion beim Bundeswehrverband

Frauen BW Verband 2Über diese Einladung habe ich mich besonders gefreut: Eine Diskussion mit der ‚AG Soldatinnen in der Bundeswehr‘, eine Gruppierung des Bundeswehrverbands. Das war wirklich eine offene und interessante Diskussion. Hier finden Sie meinen Input:

Sehr geehrte Damen und Herren, herzlichen Dank für die Einladung. Ich freue mich sehr, dass ich heute hier bei Ihnen sein darf!

Leider habe ich viel zu selten Gelegenheit, mit Soldatinnen zu sprechen – vor allem: ganz frei zu sprechen. Und deshalb freue ich mich sehr, hier heute viele von Ihnen zu treffen und wir uns offen darüber unterhalten können, wie die Situation der Frauen in der Bundeswehr tatsächlich ist und wie die Attraktivität der Bundeswehr für Frauen gesteigert werden kann.

Ich verstehe ich meinen Beitrag vor allem quasi als Werkstattgespräch, bei dem wir gemeinsam überlegen, wie die Lage von Soldatinnen verbessert werden kann.

Und deshalb schlage ich vor:

  • Ich schildere Ihnen kurz in vier Thesen die Eindrücke, die ich von der Situation der Soldatinnen in der BW gewonnen habe. Das meiste davon wird ihnen sicherlich bekannt sein
  • Gleichzeitig würde ich Ihnen gerne ein paar Ideen und Vorschläge vorstellen, was wir von Seiten der Politik unternehmen könnten, um die geschilderten Missstände abzustellen. Und dann würde ich Sie um Ihre Kommentare, Ergänzungen und auch Korrekturen bitten.
  • Wenn Sie mir spiegeln würden, welche Ansätze zu Verbesserungen Sie sinnvoll finden und welche vielleicht eher nicht.

Frauen BW Verband 1Meine 1. These: Frauen in der Bundeswehr sind auch 14 Jahre nach der Öffnung der Streitkräfte weitgehend unbekannte Wesen. Wir wissen viel zu wenig über die Frauen, die sich für den Dienst in der BW entscheiden.

  • Soweit ich sehen kann, gibt es keine systematischen soziologischen Untersuchungen darüber, welchen sozialen Hintergrund, welche Motive, Erwartungen, Lebenspläne die Frauen haben, die zur BW gehen.
  • Mein erster Appell wäre daher: Wir brauchen dringend genauere Informationen, damit wir uns für die Interessen der Frauen in der BW stark machen können. Vielleicht kann ja das ZMS in Potsdam hier einmal wissenschaftlich fundierte Erkenntnisse zutage fördern, das würde ich sehr begrüßen.

Zum Zweiten stelle ich fest, dass der Anteil von Frauen an allen BW-Angehörigen deutlich unter dem Anteil von 15% liegt, den die Bundesregierung anstrebt.

  • Bei den Neueinstellungen für Soldatinnen auf Zeit betrug der Anteil von Frauen zwar fast die angepeilten 15% …
  • bei den Berufssoldatinnen sind wir allerdings noch meilenweit von dieser Zielmarke entfernt: Da liegt der Anteil der Frauen nur bei 3,92%!
  • Da drängt sich doch die Frage auf:Warum entscheiden sich immer mehr Frauen, ein paar Jahre als Zeitsoldatin zu dienen – aber Berufssoldatin wollen sie nicht werden …
  • Ich vermute, ein wesentlicher Punkt ist, dass die BW in puncto Vereinbarkeit von Dienst und Familie immer noch hinter der allgemeinen Entwicklung in Wirtschaft und Gesellschaft hinterherhinkt. Für ganz junge Frauen vor der Familienphase mag das ja noch hinzunehmen sein – aber nach einigen Jahren als Zeitsoldatin quittieren sie doch lieber ihren Dienst, anstatt unter diesen Arbeitsbedingungen Berufssoldatin zu werden.
  • Sie alle wissen, dass die Verteidigungsministerin mit dem kürzlich verabschiedeten Artikelgesetz und mit ihrer Attraktivitätsagenda versucht, die Bundeswehr zu modernisieren. Aus meiner Sicht reichen aber die vorgesehenen Maßnahmen bei weitem nicht aus. Besonders die Möglichkeiten, in Teilzeit zu arbeiten, sind aus meiner Sicht nach wie vor unzureichend, viel zu starr und unflexibel.
  • Hier möchte ich gerne ansetzen. Aber mich würde sehr interessieren, welche Erfahrungen Sie gemacht haben, wo die Möglichkeiten zur Teilzeitarbeit in der BW vielleicht tatsächlich an Grenzen stoßen, wie Teilzeit gestaltet werden kann, wo wir gesetzgeberisch nachsteuern könnten.

Ich komme zu meine dritten These: Frauen bekommen in der Bundeswehr bei weitem nicht die Anerkennung, die sie verdienen. Das zeigt sich meiner Meinung nach in zwei Punkten: in den relativ schlechten Aufstiegschancen der Frauen und in der Geringschätzung ihrer Leistung durch die männlichen Kollegen.

  • Zum ersten Punkt: In den oberen Dienstgraden sind deutlich weniger Frauen vertreten als dem Anteil der Frauen insgesamt entsprechen würde. Sie alle wissen: Selbst im Sanitätsbereich gibt es bis heute nur eine Ärztin im Rang einer Generalin und nur 12 Soldatinnen im Range eines Obersts.
  • Das Verteidigungsministerium verweist in diesem Zusammenhang gerne darauf, dass die Frauen wegen der Kürze der Zeit seit der Öffnung 2001 noch gar nicht in hohe Dienstgrade aufsteigen konnten.
  • Gleichzeitig gibt es aber offenbar mehrere Faktoren, die den Frauen den Aufstieg in der BW deutlich erschweren.
  • Da ist zum einen die verbreitete Skepsis gegenüber der Qualifikation von Soldatinnen: Tritt ein männlicher Soldat einen neuen Dienstposten an, gehen alle davon aus, dass er sich diese Position schon irgendwie verdient haben wird. Kommt eine Soldatin neu dazu, heißt es: Die muss erstmal zeigen, was sie kann.
  • Diese weitverbreitete Skepsis gegenüber der Qualifikation und Leistungsfähigkeit von Soldatinnen schlägt sich dann ganz offenbar darin nieder, dass nur relativ wenige Frauen bei der Beurteilung durch ihren Vorgesetzten die alles entscheidende Empfehlung für eine Führungsverwendung erhalten.

Hier stellen sich doch gleich mehrere Fragen:

  • Wie können wir das Beurteilungssystem so umgestalten, dass die Leistungsfähigkeit einer Soldatin nicht allein von der Einschätzung zweier meist männlicher Vorgesetzter abhängt?
  • Wie könnte so ein Beurteilungssystem aussehen? Welche Rolle sollten dabei die militärischen Gleichstellungsbeauftragten spielen? Müssen wir die Zahl der militärischen Gleichstellungsbeauftragten dafür erhöhen?
  • Und, wie kann etwa das Zentrum für Innere Führung in Lehrgängen und Schulungen dazu beitragen, dass die Skepsis gegenüber der Leistungsfähigkeit von Frauen verschwindet?
  • Wie können wir Soldatinnen dahingehend stärken, dass sie ihre Kompetenzen und Leistungen adäquat zum Ausdruck bringen, und Sie ihr Licht nicht unter den Scheffel stellen?
  • Und wie können wir Soldatinnen dazu animieren, gegen Beurteilungen, die offensichtlich zu negativ ausfallen, Einspruch zu erheben? Das passiert meinen Informationen nach nämlich nur sehr, sehr selten.
  • Der zweite Hinweis darauf, dass Frauen in der BW nicht die Anerkennung erfahren, die sie verdienen, stammt aus der allseits bekannten Studie „Truppenbild ohne Dame“.
  • Ich brauche Ihnen das nicht im Einzelnen zu wiederholen: Fast 60% der befragten männlichen Soldaten waren in der Befragung der Meinung, dass sich die BW durch die Öffnung für Frauen zum Schlechteren verändert. Zwischen 16 und 36 Prozent sind der Ansicht, dass die militärische Schlagkraft der BW durch die Frauen nachlässt.
  • Als wichtigsten Grund für die fehlende Akzeptanz und geringe Wertschätzung nennt die Studie das Zahlenverhältnis zwischen Männern und Frauen in der BW: Unterhalb einer Schwelle von 15%, wird dort gesagt, wird die Minderheit, also die Frauen, gar nicht als Individuen wahrgenommen, sondern lediglich als anonyme Repräsentanten der Minderheitsgruppe.
  • Diese große Dominanz der Männer hat auch gravierende Folgen für das Verhalten der Frauen in der Bundeswehr:
    • Soldatinnen neigen, so wie ich das sehe, durch ihren Minderheitsstatus sehr dazu, sich extrem an die Normen der männlichen Mehrheit anzupassen und jede geschlechtsspezifische Unterstützung abzulehnen. Das heißt, dass ganz grundsätzlich jede Art von „Extrawurst“ abgelehnt wird.
    • Unter diesen Umständen ist es natürlich sehr schwierig, bei den Soldatinnen überhaupt ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass es für sie eben nicht reicht, ihren Job einfach nur „gut“ zu machen.
  • Und noch schwieriger ist es, von Seiten der Politik oder von Seiten Ihres Verbandes Initiativen anzustoßen, die Frauen beim Aufstieg unterstützen könnten, wie etwa Netzwerke, Mentoring-Programme u.ä.
  • Die Frage, die wir uns stellen müssen, lautet also: Was können wir tun, um das Zahlenverhältnis zwischen Männern und Frauen nachhaltig zugunsten der Frauen zu verschieben?
  • Ich denke, zur Antwort gehört einerseits alles, was wir schon unter dem Stichwort „Attraktivität und Vereinbarkeit“ angesprochen haben. Denn nur wenn sich mehr Frauen für die Bundeswehr entscheiden, wird sich da etwas ändern.
  • Andererseits sollten wir in diesem Zusammenhang einmal kurz über das Stichwort „Quote“ nachdenken.
  • Sie alle haben gelesen, dass die Ministerin eine Frauenquote für den Sanitätsdienst vorgeschlagen hat. Aber eine solche Quote haben wir doch längst – und zwar nicht nur für den Sanitätsdienst. Das Soldatinnengleichstellungsgesetz sagt ganz klar, dass Frauen in allen Bereichen bevorzugt zu berücksichtigen sind, in denen ihr Anteil unter 15% liegt.
  • Ich frage mich aber: Warum begnügen wir uns eigentlich mit der Zielvorgabe von 15%? Sollten wir nicht an dieser Stellschraube drehen – und das Soldatinnengleichstellungsgesetz dahingehend ändern, dass wir hier eine höhere Quote festlegen?
  • Natürlich, die Schwelle von 15% stellt keine reine Willkür dar. Soziologinnen meinen, dass die Diskriminierung einer Minderheit in einer gemischten Gruppe deutlich nachlässt, sobald diese Minderheit einen Anteil von 15% erreicht. Aber rotzdem: Eine ausbalancierte Gemeinschaft, deren Mitglieder einander mit Respekt und im Geiste der Gleichberechtigung begegnen, ist erst bei einem Verhältnis von 60 zu 40 zu erwarten. Warum streben wir deshalb nicht einen deutlich höheren Frauenanteil an?
  • Der Nachteil einer solchen höheren Quote dürfe kurzfristig darin bestehen, dass der Unmut unter den männlichen Soldaten noch wächst. Darüber sollen wir diskutieren!

Ich komme zu meiner letzte Beobachtung: Auch wenn sexuelle Belästigung in der BW offenbar kein großes Problem darstellt – gibt es da durchaus noch einiges zu verbessern. 

  • Sicher haben Sie alle den aktuellen Wehrbericht gelesen. Herr Königshaus beschreibt da deutlich, wo offenbar das Haupteinfallstor für massive Belästigungen liegt – nämlich im Auslandseinsatz:
  • „Sie können nachher mal bei mir auf der Stube vorbei kommen“, musste sich eine Soldatin im deutschen Lager in Kabul von ihrem Vorgesetzten anhören. Später hat ihr Chef ihr sogar die Bluse aufgerissen. Und als sie nach D zurück kam, musste sie feststellen, dass ihr Vorgesetzter noch immer in ihrer eigenen Einheit seinen Dienst verrichtet hat.
  • Ich denke, hier sind zwei Maßnahmen dringend geboten: Zum einen wäre es sicher hilfreich, wenn es militärische Gleichstellungsbeauftragte auch in den Einsatzlagern im Ausland gäbe.
  • Zum anderen kann es nicht sein, dass die betroffenen Soldatinnen selber dafür sorgen müssen, dass ihre Peiniger versetzt und bestraft werden.
  • Ich bin mir nicht sicher, ob es hier ausreicht, in Kursen am Zentrum für Innere Führung mehr Sensibilität und Verantwortungsgefühl bei den Vorgesetzten zu vermitteln – oder ob es hier auch institutioneller Neuerungen bedarf – wie etwa schärferer Sanktionen oder einer neuen Struktur zur Bearbeitung entsprechender Vorfälle. Auch hier bin ich sehr auf ihre Meinung gespannt.

Meine Damen und Herren, damit will ich es erst einmal bewenden lassen. Ich fasse kurz zusammen

  1. Wir brauchen dringend eine wissenschaftliche Grundlage, um die Situation der Soldatinnen verstehen und verbessern zu können.
  2. Der Anteil der Frauen an den Bundeswehrangehörigen ist insbesondere bei den Berufssoldatinnen noch weit von der Zielvorgabe 15% entfernt. Hier müssen wir vor allem bei der Vereinbarkeit von Dienst und Familie noch mehr erreichen.
  3. Die Bundeswehr ist für Frauen auch deshalb nicht attraktiv, weil sie dort nicht die Anerkennung finden, die sie verdienen. Hier sollten wir uns dringend an eine Reform des Beurteilungswesens machen.
  4. Zu diskutieren wäre eventuell auch eine Erhöhung der Zielvorgabe von 15% Frauenanteil. Außerdem brauchen wir eine echte Offensive des Zentrums für Innere Führung, um die Skepsis gegenüber der Qualifikation und der Leistungsfähigkeit von Frauen zu beseitigen.
  5. Sexuelle Belästigung ist nicht nur, aber offenbar vor allem in den Auslandseinsätzen ein Thema. Grundsätzlich ist die Frage, ob nicht die Zahl der militärischen Gleichstellungsbeauftragten allgemein erhöht werden müsste, und ob nicht auch in den Einsatzlagern im Ausland eine Gleichstellungsbeauftragte selbstverständlich dabei sein sollte. Darüber hinaus ist die Frage, ob die Sanktionen für sexuelle Belästigung ausreichen.

Jetzt bin ich sehr gespannt darauf, welche Erfahrungen Sie gemacht haben und welche Ansatzpunkte Sie für besonders vielversprechend halten, um die Situation der Soldatinnen zu verbessern. Ich freue mich auf die Diskussion mit Ihnen.

 

 

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