19. September 2016 – Münchner Kontraste: Kreativquartier

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mit Anna Hanusch (Vorsitzende BA Neuhausen/ Nymphenburg) im Kreativquartier

Tom Biburger hatte ich im Januar in Berlin bei der Jahreskonferenz der Dramaturgischen Gesellschaft kennengelernt, die auf die hübsche Idee gekommen war, Theaterleute aus ganz Deutschland im Bundestag auf ihre Parlamentarier treffen zu lassen. Bei dieser einen Begegnung sollte es nicht bleiben: Als Tom mir von seinen Projekten und von dem Ort seiner Arbeit erzählte, machte er mich neugierig. Also bin ich zum Gegenbesuch gekommen und er führt mich durch das Kreativquartier an der Dachauer Straße, einer Oase inmitten des rundum herrschenden Großstadt-Gesummses.

Seit über acht Jahren hat sein Institut für angewandte kulturelle Bildung (IAKB) hier sein Büro, die meisten IAKB-Projekte finden in den umliegenden Proben- und Veranstaltungsräumen statt.

Einladung zum Bleiben

Der Verkehr auf der Schwere-Reiter-Straße rauscht nur noch im Hintergrund, hier zwitschern die Amseln. Eigentlich unfassbar, denke ich: Sowas gibt es also tatsächlich in München, zudem noch innerhalb des Mittleren Rings, wo ansonsten jeder Quadratmeter Boden wie ein Luxusartikel gehandelt wird. Bröckelnder Putz an Ziegelhausfassaden, Lagerhallen mit morbidem Charme, kopfsteingepflasterte Wirtschaftswege, eine komplett heruntergekommene Straßenbeleuchtung, zwischen den Gebäuden Pflanzkästen mit Gemüse und Blumen, und weil die Sonne gerade scheint, sitzen Menschen allen Alters draußen auf Stühlen, Bänken, Mauern und Stufen. Es ist eine Einladung zum Bleiben. Das Bier kaufen wir in der Import/Export-Kantine, die früher im Bahnhofsviertel ansässig war und inzwischen hierher umgezogen ist. Das Import/Export gehört eher zu den später hinzu Gekommenen, erfahre ich, andere Institutionen wie das Atelierhaus, PATHOS München, Halle 6, Schwere Reiter oder das Institut für Glücksfindung (der Name ist Programm) blicken auf Jahre und Jahrzehnte auf dem Gelände zurück.

Seine Geschichte ist ziemlich bewegt. Zulieferbetriebe fürs Militär waren hier angesiedelt, dann übernahm die Stadt München und brachte die Ämter für Stadtentwässerung und Straßenbeleuchtung in den Gebäuden unter. Sonstiger Leerstand wurde temporär freigegeben, seit 1972 stets mit der Ansage, dass das alles in Kürze verschwinden und überbaut würde. Menschen, die sich auf dem Gelände niederlassen, bekommen im besten Falle einen Zwei-Jahres-Mietvertrag: Man bleibt Nutzer auf Abruf. Wer seine Zukunft auf solches Papier baut, muss gute Nerven haben. (Durchaus vergleichbar mit einem Wahlmandat im Bundestag.)

Zwischennutzung ist Dauerzustand

Die Menschen, die im Kreativquartier engagiert sind, suchen aber in der Regel nach anderen Perspektiven. Das Ringen um bessere Bedingungen, um dauerhaftes Nutzungsrecht und entsprechende Planungssicherheit bestimmt den Alltag der Akteure. Tom Biburger ist Mitglied im Labor München e.V., der sich als Stimme und Verhandlungspartner mit den städtischen Referaten versteht. Er hat in einem der inzwischen vom Tiefbauamt verlassenen Gebäude zusammen mit anderen Künstler*innen das gemeinnützige Munich Center of Community Arts, MUCCA, gegründet. Künstler-Communities im Haus renovieren laufend die vorher zum Abriss frei gegebenen Räume. So entstehen bezahlbare Proben-, Workshop- und Präsentationsräume für Schauspiel, Tanz, Musik, Zirkus, Performance sowie soziokulturelle und ökologische Projekte. Der Bedarf in der Stadt ist sehr groß, das Kreativquartier ein einzigartiges Refugium.

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mit Wehrführer Markus Richter im Löschzug

Auch die Freiwillige Feuerwehr München, Abt. Stadtmitte, nutzte eine der zahlreichen vorhandenen Hallen mit angegliedertem Verwaltungstrakt. Am Abend meines Besuches feiert sie ihren Kehraus, sie ist in die topmoderne neue Feuerwache 4 in der benachbarten Heßstraße umgezogen. Wehrführer Markus Richter lädt uns zum Gespräch in einen brandneuen Löschzug ein. Bei ihm überwiegt die Vorfreude auf die perfekte Ausstattung im neuen Haus, die alte Wache hinkte der Zeit doch arg hinterher. Zugleich aber weckt sie jetzt Begehrlichkeiten von Theatermacher*innen, Bildhauer*innen, Performer*innen, Jugendkulturinitiativen und Sozialvereinen. Zwar muss zunächst noch das Dach saniert werden, danach aber ist damit zu rechnen, dass im Feuerwehrhaus ein weiteres Kulturprojekt auf unbestimmte Zeit entsteht.

Schelte von der Süddeutschen

Eigentlich gibt es seit 2012 einen Stadtratsbeschluss, der die Umsetzung eines sehr ambitionierten Planes zur künftigen Nutzung des Kreativquartiers vorsieht: eine planvolle Verdichtung, Wohn- und Arbeitsmöglichkeiten nicht ausschließlich für Künstler*innen, Ateliers, Werkstätten, eine Wohnsiedlung im Osten, die beiden Industriedenkmäler Jutier- und Tonnenhalle im Süden sollen zu einem international bedeutsamen Zentrum für performative Künste ausgebaut werden. Für Kulturreferent Hans-Georg Küppers ist es ein Wunschprojekt, aber vor allem seine eigenen Genoss*innen tun sich schwer mit der Umsetzung ihrer Entscheidung. Dafür gab es gerade wieder Schelte von der Süddeutschen Zeitung, die das Projekt sehr aufmerksam beobachtet. Es geht nicht voran, sagt Tom, man habe sich zwar mit Sonderpreisen für vorbildliche Bürger*innenbeteiligung dekoriert, diese beschränkte sich aber auf einige Meetings, Seminare und Workshops, und danach sei nichts mehr passiert. Vielleicht auch, weil sich die beteiligten städtischen Referate (Planung, Wirtschaft, Kultur und Kommunalreferat) nicht wirklich auf ein gemeinsames Ziel einigen können und die schwarz-rote Koalition das Thema nicht mehr auf der Agenda hat.

Mir scheint, als habe sich der Status quo hier sehr gemütlich eingerichtet. Wenn es sein muss, passiert etwas – das Haus in dem früher die Leitung des Amtes für Straßenbeleuchtung untergebracht war, beherbergt seit Anfang des Jahres unbegleitete jugendliche Geflüchtete. Wenn es nicht sein muss, passiert nichts. Auf mich als Besucherin wirkt dieser Zustand geradezu zeitlos und ungemein sympathisch. Trotzdem verstehe ich sehr gut, dass Tom und seine Kolleg*innen an diesem Schwebezustand kein weiteres Interesse haben. Sie brauchen die aktive Unterstützung der Stadt. Sprich: die Umsetzung bestehender Beschlüsse, angemessene Nutzungsverträge, die politische Anerkennung ihrer gesellschaftsnotwendigen Arbeit.

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Nutzer*innen-Vielfalt im Kreativquartier

 

 

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