Altersarmut von Frauen – wie verhindern?

mit Nicole Riemer-Trepohl, Sprecherin des OV München Nord

20. Februar 2017 – In Bayern ist fast ein Viertel der Frauen im Alter armutsgefährdet. Der Rentenanspruch von Frauen beträgt aktuell weniger als die Hälfte dessen, was Männer bekommen. 80 Prozent der Neurentnerinnen erhalten weniger als 973 Euro monatlich, liegen also unterhalb der Schwelle zur Armutsgefährdung. Dass Handlungsbedarf besteht, ist offensichtlich.

Der Grünen Ortsverband München Nord hatte mich zu seinen „Grünen Gesprächen“ ins Kulturzentrum 2411 eingeladen – dort stellte ich unsere Positionen zur Prävention von Altersarmut bei Frauen vor. Und Maßnahmen, mit denen akut gegen diese für viele existenzielle Bedrohung vorgegangen werden kann.

Unsere zentrale Forderung: eine Garantierente, die deutlich über der Grundsicherung liegt. Wer 30 Versicherungsjahre hat, soll diese Garantierente als echte Rente über die gesetzliche Rentenversicherung bekommen, und nicht als Sozialhilfe. Alle Versicherungszeiten sollten anerkannt werden, auch Zeiten der Arbeitslosigkeit, Ausbildung, Kindererziehung, Pflege und Erwerbsminderung. Davon profitieren insbesondere Frauen. Um eine gleichberechtigte Rente für Frauen und Männer zu fördern, wollen wir außerdem ein obligatorisches Rentensplitting einführen: Paare sollen ihre gesetzlichen Rentenansprüche zukünftig sofort und regelmäßig miteinander teilen. Frauen sind dadurch im Alter finanziell weit weniger abhängig von ihren Ehemännern.

Wir setzen auf Prävention
Im Kampf gegen Altersarmut von Frauen setzen wir Grünen auf Prävention. Wir dürfen es gar nicht erst so weit kommen lassen, dass Frauen in die Armutsfalle geraten. Ich sehe da eine Mischung aus Eigenverantwortlichkeit und den richtigen Rahmenbedingungen. Das geht los mit den Rollenbildern, die den Frauen schon ganz früh vermittelt werden, und geht dann weiter mit der Berufswahl, bei der sich Frauen viel zu oft auf die schlechter bezahlten Jobs konzentrieren. Zugleich brauchen wir endlich eine angemessene Bezahlung in den typischen „Frauenberufen“.

Für eine tatsächliche Entgeltgleichheit kämpfen wir schon seit einer kleinen Ewigkeit. Familienministerin Manuela Schwesig hat jetzt gegen große Widerstände aus der Union einen Gesetzentwurf vorgelegt, mit dem unter anderem der gleiche Lohn für gleiche und gleichwertige Arbeit verankert werden soll. Allerdings fordern wir Grüne, dass ALLE Frauen ein Auskunftsanspruch bekommen, nicht nur die in Unternehmen ab 200 MitarbeiterInnen. Und wir fordern ein Verbandsklagerecht, damit sie ihre Rechte effektiv erstreiten können.

Die Lohnlücke zu schließen ist ein gewichtiger Teil der Prävention. Es braucht allerdings noch mehr. Wir wissen, dass in vielen Familien die Frauen gerne etwas mehr und Männer gerne etwas weniger arbeiten würden, weil sie gemeinschaftlich Verantwortung sowohl für die Existenzsicherung als auch für die Familienarbeit übernehmen wollen. Die Realität ist aber häufig von einer partnerschaftlicheren Aufteilung von Familien- und Erwerbsarbeit weit entfernt.

Mit den grünen ‚Zeithaben-Modelle’ definieren wir verschiedene Maßnahmen, die jede für sich auf die veränderten gesellschaftlichen Strukturen und Erfordernisse vieler Familien und Lebensgemeinschaften reagieren.

  • Die ‚Flexible VollZeit’ definiert einen Arbeitszeitkorridor im Bereich von 30 bis 40 Stunden, in dem ArbeitnehmerInnen ihre Arbeitszeit nach individuellen Bedürfnissen anpassen können.
  • ‚KinderZeitPlus’ folgt dem Wunsch vieler Eltern, mehr Zeit für ihre Kinder zu haben und Erwerbs- und Sorgearbeit partnerschaftlich untereinander aufzuteilen. Dafür soll u.a. das bestehende Elterngeld auf 24 Monate erweitert werden.
  • ‚BildungsZeitPlus’ unterstützt Erwachsene, die sich unabhängig vom Arbeitgeber fortbilden wollen, mit einem Mix aus Darlehen und Zuschuss. Die Unterstützung wird auf die individuelle Einkommenssituation zugeschnitten.
  • ‚PflegezeitPlus’ ermöglicht eine dreimonatige Freistellung für Menschen, die Verantwortung für pflegebedürftige Angehörige, Nachbarn oder FreundInnen übernehmen. Mit einer steuerfinanzierten Lohnersatzleistung – ähnlich wie beim Elterngeld – soll dies für alle Erwerbstätigen finanziell abgesichert werden

Weg mit dem Ehegattensplitting
Das Ehegattensplitting ist nicht mehr zeitgemäß, es fußt auf einem überkommenen Bild von Ehe, Partnerschaft und Erwerbstätigkeit. Es fördert die klassische Arbeitsteilung, die in Kombination mit der Steuerklasse 5, einem Minijob und der Mitversicherung in der Krankenkasse fatal ist. Es hält Frauen oft von einer vollzeitnahen oder Vollzeittätigkeit ab. Das wirkt sich extrem negativ auf die Rentenanwartschaften aus und birgt für Frauen ein erhebliches Armutsrisiko. Der zunächst vermeintlich positive Effekt für das Haushaltseinkommen verkehrt sich langfristig in eine Armutsfalle.

In der Diskussion bestätigten Besucher*innen, dass das bestehende Rentensystem die Ungleichheit zementiert. „Da kann ich als Erzieherin 100 Jahre lang arbeiten und werde keine ausreichende Rente bekommen“, sagte eine Frau. „Warum dagegen ein Mann, der mein Auto schraubt, mehr verdient als eine Frau, die Kinder betreut, wird mir immer ein Rätsel bleiben.“
Da stellt sich natürlich die Frage, warum die Gesellschaft nicht bereit ist, diesen wichtigen Kräften die entsprechende Wertschätzung zu geben.
Eine Frau konstatierte nüchtern: „Es gibt für uns Frauen zu wenig Vorbilder. Erfolgreiche Frauen haben eben häufig keine Familie.“ Dass nur 60% der Männer ihre Elternzeit in Anspruch nehmen und die meisten von ihnen dann nur zwei Monate, bestätigt aus ihrer Sicht, dass die Rollenbilder noch weitgehend fixiert seien.

„Das Modell des männlichen Allein- und Hauptverdieners ist in Deutschland weiterhin vorherrschend“, heißt es auch in der eben veröffentlichten „Dare to Share“-Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). „Wenn Mütter im selben Umfang wie Väter erwerbstätig sein könnten, würde dies ihre wirtschaftliche Sicherheit im Fall einer Scheidung oder Auflösung der Partnerschaft stärken und ihr rentenbezogenes Risiko der Altersarmut verringern.“

Bei uns Grünen rennt die OECD damit offene Türen ein.

 

 

 

 

 

 

 

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