22. Januar 2016 – Lesung mit Musik für Raif Badawi

Einladung_BadawiRaif Badawi setzte sich in seinem Blog für Reformen und ein moderneres Saudi-Arabien ein und wurde dafür 2012 als „Ungläubiger“ zu zehn Jahren Haft, 1000 Stockhieben und einer hohen Geldstrafe verurteilt. Auf Vorschlag der Grünen/EFA-Fraktion erhielt er den Sacharow-Preis für geistige Freiheit 2015 des Europäischen Parlaments.

Gemeinsam mit Barbara Lochbihler MdEP hatte ich die Münchner Schauspielerin Berivan Kaya eingeladen, Texte von Raif Badawi zu lesen. Musikalisch wurde sie dabei begleitet vom Multiinstrumentalisten und Klangforscher Wolfgang Gleixner.

Hier können Sie meine inhaltliche Einführung in diesen Abend nachlesen:

Wenn man in diesen Tagen die Zeitung aufschlägt, hat man den Eindruck, die Welt ist
völlig aus den Fugen geraten. Krisen und Kriege wohin man schaut. Ganz besonders dramatisch stellt sich die Lage im Nahen Osten dar. Und eine Schlüsselrolle dabei nimmt Saudi Arabien ein.

243

Begrüßung durch Doris Wagner

Saudi-Arabien galt dem Westen lange Zeit als Stabilitätsfaktor in dieser extrem spannungsgeladenen Region. Die Abhängigkeit vom Öl und die Allianz im Kampf gegen den internationalen Terrorismus haben dafür gesorgt, dass man viel zu lange beide Augen zugedrückt hat, wenn es darum ging, das autokratische Regime der Familie al-Saud zu kritisieren.

Das ändert sich gerade ganz rapide:

Die Massenhinrichtungen von Oppositionellen Anfang des Jahres haben den westlichen Blick wieder mehr geschärft für die katastrophale Menschenrechtssituation in Saudi-Arabien.

Die fürchterlichen Bilder aus Syrien, dem Irak und dem Jemen erinnern und jeden Tag daran, dass Saudi Arabien schon seit Jahrzehnten in blutige Stellvertreterkriege erwickelt ist, dass es kräftig mitmischt bei der Finanzierung und Ausrüstung aller möglicher militanter Gruppen in der Region. Und deshalb diskutieren wir auch in Deutschland derzeit intensiv darüber, wie man mit Saudi-Arabien umgehen soll.

Doris Wagner mit Wolfgang Gleixner, Barbara Lochbihler und Berivan Kaya.

Doris Wagner mit Wolfgang Gleixner, Barbara Lochbihler und Berivan Kaya

Für uns Grüne steht dabei fest:

Das menschenverachtende Regime in Riad ist gerade kein Stabilitätsfaktor im Nahen Osten. Und es darf auf gar keinen Fall ein strategischer Partner für uns sein.

In einer aktuellen Stunde im Bundestag in der vergangenen Woche haben wir deshalb ganz besonders die Rüstungsexporte dorthin kritisiert. Saudi-Arabien zählt schon seit Jahren zu den wichtigsten Kunden der deutschen Rüstungsindustrie. Erst im vergangenen Jahr hat Deutschland Startanlagen für gelenkte Flugkörper nach dorthin geliefert. Vermutlich kommen diese Raketenwerfer sogar aus Bayern und man kann davon ausgehen, dass sie in den aktuellen Konflikten auch eingesetzt werden.

Vor dem Hintergrund der Hinrichtungen Anfang des Jahres und der katastrophalen Menschenrechtslage haben die Grünen im Bundestag erneut gefordert, sofort alle Rüstungsexporte nach Saudi Arabien zu stoppen.

(Bereits im vergangenen Jahr hatten wir Grüne im Bundestag einen Antrag gestellt, der die Bundesregierung dazu aufforderte, sich für die Freilassung Raif Badawis und für einen Schutz der Menschenrechte in Saudi Arabien einzusetzen.)

Für mich ist die Vorstellung unerträglich, dass wir mit unseren Rüstungsexporten dazu beitragen, ein autokratisches, menschenverachtendes Regime wie Saudi-Arabien stützen. Und deshalb ist mir sehr wichtig, dass wir die Menschen nicht vergessen, die unter diesem Regime zu leiden haben. Gleichsam stellvertretend für die vielen Verfolgen, Gefolterten und Inhaftierten wollen wir uns heute Abend deshalb mit Raif Badawi beschäftigen.

Raif Badawi wurde wegen ‚Beleidigung des Islam‘ zu 1000 Peitschenhieben, 10 Jahren Gefängnis und eine hohen Geldstrafe verurteilt, weil er einen Blog geschrieben hat, weil er seine Meinung gesagt hat, das politische System und die Rolle der Religion in Saudi Arabien kritisiert hat.

Kurz vor Weihnachten habe ich Ensaf Haidar, die Frau von Badawi, getroffen. Sie hat ein Buch über ihre und Raif Badawis Geschichte geschrieben, um damit das Schicksal ihres Mannes in der Öffentlichkeit zu halten. Das Buch beginnt mit dem zufälligen und natürlich völlig verbotenen Kennenlernen der Beiden. Gerade vor dem Hintergrund der völligen Geschlechtertrennung in Saudi Arabien eigentlich eine hinreißende Liebesgeschichte.

Ensaf Haidar lebt jetzt mit ihren Kindern in Kanada. Sie ist unter anderem dorthin geflohen, weil sie befürchten musste, zwangsgeschieden zu werden und so das Sorgerecht für ihre Kinder an ihren Schwiegervater zu verlieren. Aber gerade der Mann hat die Verfolgung von Raif Badawi ganz wesentlich vorangetrieben. Außerdem würde sie damit wieder unter die Vormundschaft der Männer ihrer Familie fallen. Frauen in Saudi Arabien stehen immer unter der Obhut eines männlichen Vormunds. Üblicherweise der Vater, der Ehemann oder ein Bruder. In kaum einem Land sind die Rechte von Frauen so eingeschränkt, werden Frauen so benachteiligt, wie in Saudi Arabien.

Das Buch von Raif Badawi, daneben das Grundgesetz auf Arabisch.

Das Buch von Raif Badawi, daneben das Grundgesetz auf Arabisch.

Das beginnt bei der Verbot, Auto zu fahren oder die öffentlichen Verkehrsmittel zu nutzen, setzt sich fort in extremer Benachteiligung in familienrechtlichen Fragen bis dahin, dass sie die Erlaubnis ihres Vormunds für eine ganze Reihe von medizinischen Eingriffen brauchen. Jüngst im letzten Dezember durften Frauen in Saudi Arabien erstmalig an den Wahlen zu den Gemeinderäten teilnehmen. Ein winziger Lichtblick, auch wenn nur 10% der registrierten WählerInnen Frauen waren und  weibliche Kandidatinnen im Wahlkampf ausschließlich Frauen treffen durften.
Aber zurück zu Badawi:

Auch wir wollen mit unserer Lesung mit dazu beitragen, dass das Schicksal von Raif Badawi nicht in Vergessenheit gerät. Der Verlag Ullstein hat mit Hilfe von Ensaf Haidar Blog-Texte Badawis zusammen getragen und veröffentlicht – übrigens ein non-profit-Projekt zugunsten Badawis – „1000 Peitschenhiebe, weil ich sage, was ich denke“.
Und daraus wird heute gelesen.

Ich begrüße ganz herzlich Barbara Lochbihler, die mit mir gemeinsam zu dem heutigen Abend eingeladen hat. Barbara Lochbihler ist Europaabgeordnete, und derzeit außen- und menschenrechtspolitische Sprecherin der Grünen/EFA-Fraktion im Europäischen Parlament sowie Vizepräsidentin des EP-Menschenrechtsausschusses. Außerdem war sie ehemals Generalsekretärin von Amnesty International Deutschland und war somit dem Thema Menschenrechte schon immer eng verbunden.

Berivan Kaya und Wolfgang Gleixner

Berivan Kaya und Wolfgang Gleixner

Ich begrüße und möchte Ihnen vorstellen:

Die Münchner Schauspielerin Berivan Kaya unter anderem bekannt durch ihre Mitwirkung bei verschiedenen Tatorten und dem wunderbaren Film ‚Almanya‘. Frau Kaya und ich haben uns eher zufällig kennen gelernt, als wir vergangenes Jahr unterwegs zu einer Veranstaltung in der Münchner Bayernkaserne waren und eine ganze Zeit zufällig nebeneinander hergeradelt sind. Ich freue mich, dass Sie heute für uns lesen werden.

Und genauso herzlich begrüße ich Wolfgang Gleixner, Multiinstrumentalist, sonst unterwegs mit Haindling oder auch Konstantin Wecker. Heute Abend mit seiner Windharfe bei uns. Ein herzliches Willkommen auch Ihnen.

Bestellt werden kann das Buch übrigens zum Beispiel direkt beim Verlag Ullstein oder über die Frauenbuchhandlung Lillemors in München.

Share