20. Oktober – 18. November 2016, ein Rückblick

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Meine Fraktionskollegin Elisabeth Scharfenberg aus Oberfranken hatte mich eingeladen, mit ihr über meine politische Arbeit in Berlin und meinen Weg dorthin zu sprechen. Sie  lädt regelmäßig Menschen zum Gespräch in ihr Büro, zeichnet ihr Interview auf und stellt es als Podcast auf ihre Website. Es war ein sehr einfühlsames, offenes Gespräch, der Einstieg in sehr arbeitsreiche und intensive Herbstwochen.

 

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Äpfel verschenken mit den FreundInnen vom OV Nord.

22.10., Apfelaktion – Erntedank in Münchens Norden. Es ist mittlerweile schon eine Tradition zur Zeit des Erntedanks: Zusammen mit FreundInnen aus dem OV Nord unternehme ich am Samstag morgen eine ausgiebige Radtour durch die Einkaufszentren in Moosach, Milbertshofen und Schwabing und verschenke Bio-Äpfel an BürgerInnen. Mit in unserer Gabentüte: ein Saisonkalender für Balkon und Garten und einige Backrezepte rund um den Apfel. Ein Lächeln gibt es als Dankeschön, die Sonne scheint freundlich und einige der Passanten nehmen sich Zeit für ein kurzes Gespräch. Innehalten am OEZ, wo Blumen und Kerzen an den fürchterlichen Amoklauf vom 22. Juli erinnern.

24.10. Treffen mit SchulleiterInnen in Marquartstein – Wie wirkt sich der demografische Wandel auf die Schulen im ländlichen Raum aus? Heute habe ich die Gelegenheit, darüber mit Irene Neuer (Grundschule), Gerhard Pschorn (Staatliches Landschulheim Marquartstein, Gymnasium), Günther Miller (Achental-Realschule) und Christian Auer (Franz-von-Sales-Schule im Pädagogischen Zentrum Schloss Niedernfels) zu sprechen, die der Einladung von Bürgermeister Andreas Scheck ins Marquartsteiner Rathaus gefolgt sind. Das größte Problem der Schulen sind nicht sinkende Schülerzahlen, wie ich vermutet hätte, sondern der eklatante Mangel an LehrerInnen. Aushilfskräfte werden auf dem freien Markt gesucht, es sei aber sehr schwierig, welche „für das Land“ zu bekommen, bekundeten die Schulleiter reihum. Und Rektor Pschorn ergänzte, dass der Freistaat für Gymnasien insgesamt zu wenige Lehrer einstelle. Sein Landschulheim verfügt über eine multinationale Schülerschaft, sie stammen u.a. aus Abu Dhabi, Bosnien, Chile, Georgien, Italien und Serbien. Die Anzahl der Schüler aus dem Achental nimmt hier ab – die Realschule hingegen wird ausschließlich von Kindern aus der Region besucht. Das moderate Wachstum der Marktgemeinde bildet sich derzeit besonders in den Prognosen für die Grundschule ab, umso mehr, da es „viele Arbeitsplätze für Mütter“ gebe, die den Ort sehr attraktiv machen. Realschulleiter Miller hat festgestellt, dass die Berufsschule für die 17- bis 18jährigen Asylbewerber zur wichtigsten Bildungseinrichtung geworden ist. Die meisten der jungen Männer strebten einen Lehrstelle an, zumal während der drei Jahre Ausbildungszeit plus weiterer zwei Jahre ihr Aufenthaltsrecht gesichert sei. Auch wenn so vieles in der Gesellschaft um sie herum in Bewegung gekommen ist: Ein Interesse an Politik ist bei den jungen Menschen nicht spürbar, Engagement Fehlanzeige. SchülerInnen seien heute wesentlich ruhiger als früher, sagt Pschorn. Und Miller ergänzt, dass der Lehrplan wenig für aktuelle Politik übrig habe, er könne sie nur im Sozialkundeunterricht unterbringen. Das Kultusministerium stellt sich damit ein schlechtes Zeugnis aus. Wo, wenn nicht in den Schulen, sollte ein Verständnis für Politik etabliert und die Notwendigkeit gesellschaftlichen Engagements vermittelt werden? Die Quittung dafür bekommen wir schließlich alle: Wer nicht gelernt hat, die richtigen Fragen zu stellen, gibt sich eben mit den einfachen Antworten zufrieden. Siehe USA.

24.10., Demografie & Rente, in Ampfing – Udo Philipp (Mitglied der Rentenkommision) und ich stoßen mit unserem Vortragsduett landesweit auf großes Interesse. Diesmal hat unser Grünen-Kreisverband in Mühldorf eingeladen und der lokale Radiosender ISW mit einem Morgeninterview ordentlich die Werbetrommel gerührt. Das Thema berührt die Menschen, zumal von Rentensicherheit längst keine Rede mehr sein kann. Selbst im reichen Bayern nicht, zumal es hier erhebliche Differenzen der Lohn- und damit auch der Rentenniveaus gibt. Und mit der geringen Erwerbsbeteiligung von Frauen haben wir ein weiteres Problem: Das frühere Modell „Mann arbeitet, Frau bleibt bei den Kindern zuhause“ wurde durch ein heftigeres ersetzt: „Mann Vollzeit, Frau Teilzeit oder Minijob“ – beide führen dazu, dass heutige und baldige Rentnerinnen häufig sehr niedrige Rentenanwartschaften aufbauen konnten und deshalb von den Männern oder auch staatlicher Aufstockung abhängig sind. Wie können wir aber die Rente so gestalten, dass sie gerecht ist und auch Menschen berücksichtigt, die nicht 45 Jahre am Stück arbeiten können? Udo stellt die Grüne Reformagenda zur Rente vor, in der erklärt wird, wie sich eine Garantierente finanzieren lässt: Wer jahrelang gearbeitet, Kinder erzogen oder andere Anwartschaften in der gesetzlichen Rente erworben hat, soll eine echte Rente erhalten, ohne Bedürftigkeitsprüfung und ohne Gang zum Sozialamt. Aus unserer Sicht das fundierteste Konzept, um Rente zukunftsorientiert und enkeltauglich zu machen. Dass sie durch Steuerzuschüsse gesichert werden muss, steht für uns außer Frage. Im Anschluss an unseren Vortrag fand eine rege Diskussion mit den Gästen statt.

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Die Damen vom Bayerischen Schützenbund besuchen mich im Bundestag.

27./28.10. Besuchsreise nach Berlin. – Die Landesdamenleitung , der erste Landessportleiter sowie die Bezirks- und Gaudamenleiterinnen des Bayerischen Sportschützenbundes besuchen mich im Bundestag. Es macht immer wieder viel Spaß, interessierten Bürgerinnen und Bürgern unsere Arbeit im Parlament hautnah erlebbar zu machen. Die Schützinnen nehmen an einem Vortrag im Plenarsaal teil, sie diskutieren hinterher leidenschaftlich mit meinem Kollegen Stefan Schmidt (Grünen-Bundestagskandidat in Regensburg) und mir, sie wandern u.a. auf die Reichstagskuppel, unternehmen zwei Stadtrundfahrten, besichtigen das Olympiastadion und inspizieren die BND-Zentrale. Die Gruppe absolviert ein straffes viertägiges Programm, das am Freitag morgen mit dem gemeinsamen Besuch des ZDF Morgenmagazins einen weiteren Höhepunkt findet. Ich halte diese vom Bundespresseamt organisierten Berlinexkursionen für ein wunderbares Angebot und empfange immer wieder gern Gäste aus dem Wahlkreis.

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Ramadama! Es hat sich gelohnt.

29.10., Müllaktion im Münchner Norden – Auslöser für unser Ramadama in der Nordhaide waren nicht nur unsere eigenen Beobachtungen, sondern auch der Brief einer besorgten Anwohnerin. Es ist einiges zu tun! Obwohl es kalt und nass ist, wird uns sehr schnell warm, denn es liegt reichlich Müll herum. Unglaublich, was die Menschen einfach so hinters ich und unter sich fallen lassen. Es ist zwar nicht so schlimm wie etwa nach einer Sommernacht am Flaucher, am Ende haben wir aber immerhin rund 20 Säcke an den Abholstellen abgelegt. Der Abfallwirtschaftsbetrieb München AWM begrüßt es sehr, dass ehrenamtliche Helferinnen und Helfern Verantwortung für den Erhalt der Naherholungsgebiete in München übernehmen und unterstützt die Aufräumaktionen darum nach Kräften mit seiner Infrastruktur. Und einige Gastronomen im MIRA wissen das Ramadama vor ihrer Türe ebenfalls zu schätzen – nach „Feierabend“ sind wir dort zum Mittagessen eingeladen.

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31.10., Demografie & Rente, in Hof – Die nächste Station der „Rententour“ mit Udo Philipp, diesmal auf Einladung meiner oberfränkischen Bundestagskollegin Elisabeth Scharfenberg. Zu unseren grüne Vorschlägen zur Zukunft der Rente entwickelt sich eine lebendige Diskussion. Viele Menschen haben erklärtermaßen einige Sorge im Hinblick auf ihre Alterssicherung.

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Geschäftsführer Jürgen Steigmüller (rechts), neben mir Wolfgang Weiss und Kreisrätin Doris Kienle

2.11., Besuch bei Rohde & Schwarz in Memmingen – Der Messgerätehersteller hat mich eingeladen, um mir einen Einblick in die komplexen Produktionsprozesse eines High-Tech-Unternehmens zu geben. Kreisrätin Doris Kienle und Wolfgang Weiss, Beisitzer im Vorstand der Memminger Grünen, begleiten mich bei dem Rundgang. Geschäftsführer Jürgen Steigmüller verweist stolz auf den Wirtschaftspreis „Lean & Green“, mit dem sein Unternehmen unter anderem für den verantwortungsvollen ökologischen Umgang mit natürlichen Ressourcen ausgezeichnet wurde. Ziemlich beeindruckend: die überdurchschnittlich lange Firmenzugehörigkeit der MitarbeiterInnen. Weil das zu einer gewissen Alterung der Belegschaft führt, sind viele Arbeitsplätze bedienungsfreundlicher und alternsgerechter umgestaltet worden. – Ungewöhnlich finde ich auf der anderen Seite, dass es nicht eine/n Auszubildende/n mit Migrationshintergrund gibt. Kommentar von Rohde und Schwarz dazu: „Wir haben weder eine Quotenfrau, noch einen Quotenmigranten, wir nehmen immer diejenigen mit den besten Qualifikationen und Voraussetzungen.“ Heißt das im Umkehrschluss, dass die jungen Leute mit Migrationshintergrund so viel schlechtere Abschlüsse und Leistungen zu bieten haben?

3.11., Rüstungsexporte aus Bayern, in Neustadt/Aisch – Gemeinsam mit meinem Fraktionskollegen Uwe Kekeritz, auf dessen Einladung ich die Kreisversammlung der Grünen in Neustadt besuche. Es entsteht eine lebhafte Debatte über die Problematik der Rüstungsexporte. So wird deutlich, dass gerade auch durch deutsche Waffen Fluchtursachen entstanden und entstehen. Erst kurz vor dem Treffen in Neustadt hatte Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel den Halbjahresbericht 2016 der Rüstungsexporte und dabei neue Rekordzahlen vorgestellt. Aus meiner Sicht werden hier trotz anderslautender Beteuerungen sicherheitspolitische Fragestellungen bewusst ausgeblendet, um der deutschen Rüstungsindustrie in die Hände zu spielen. Gabriels Einsetzung einer Kommission, um die Exportrichtlinien zu überprüfen, überzeugt mich ebenfalls nicht. Die Zusammensetzung des Gremiums, der Arbeitsauftrag und der Zeitplan sind nicht öffentlich und ob überhaupt Ergebnisse abgeleitet werden, bleibt nach Auskunft der Bundesregierung „den Beratungen der Beteiligten vorbehalten“. Bereits vor der Einsetzung der Kommission hatte die Union im Bundestag deutlich gemacht, dass sie keine Kommission und keine restriktiveren Kriterien haben wolle.

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Mit Gisela Sengl, Grünen MdL aus Traunstein, und Helga Mandl, Sprecherin des Kreisverbands, zu Besuch im Dorfladen. Hinten Hans Schloder

4.11., Besuch im Dorfladen Frabertsham – Zusammen mit Gisela Sengl, der Grünen Landtagsabgeordneten aus dem Landkreis Traunstein, und Helga Mandl, Sprecherin des Kreisverbands, besuche ich einen Dorfladen im Obinger Ortsteil Frabertsham. Acht Jahre lang hat es dort keinen Laden mehr gegeben. Die Bewohner stellten fest, dass ihnen etwas abgeht: nicht nur das Geschäft, sondern auch ein Ort, an dem man sich begegnet. Darum wurden sie selbst initiativ, wie uns Hans Schloder, Vorstand der Betreibergemeinschaft, berichtet. Der Gastwirt stellte einen Raum zur Verfügung, die Handwerker renovierten in Eigenleistung, die Einrichtungsgegenstände hat man z.B. auf Ebay ersteigert. Längst ist der Dorfladen (mit 34 qm der kleinste in Bayern) proppenvoll mit lauter guten Dingen. Sechs Damen arbeiten in Teilzeit bzw. haben einen Minijob. Herr Schloder, der wie seine Vorstandskollegen ehrenamtlich tätig ist, erzählt uns, dass der Dorfladen bereits nach drei Jahren profitabel war. Darauf können er und die vielen anderen engagierten Menschen aus Frabertsham sehr stolz sein.

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Mit Obings Bürgermeister Sepp Huber, Gisela Sengl, MdL und Helga Mandl, Sprecherin des Grünen KV Traunstein.

4.11., Demografieveranstaltung in Obing – „Dorfleben: Was tun, wenn der letzte Laden dicht macht?“ fragt der Traunsteiner Kreisverband der Grünen – MdL Gisela Sengl und ich sind in die Kleinkunstbühne „Beim John“ eingeladen, um dort über grüne Konzepte zum Demografischen Wandel zu diskutieren. Die kleineren Orte auf dem Land sind in weit höherem Maße vom Bevölkerungsrückgang und dem steigenden Anteil älterer Menschen betroffen sind als die Städte. Für die KommunalpolitikerInnen ergeben sich daraus wichtige Aufgaben wie die Schaffung neuer Wohnformen und die Umgestaltung des öffentlichen Raums hin zu Barrierefreiheit, vor allem aber die Sicherung der Mobilität für die Bürger ohne Auto. Gisela bekräftigt, dass es ein großer Vorteil sei, in einer Gemeinschaft zu leben, wo man sich gegenseitig kennt. Um ihn nutzen zu können, müssten aber die entsprechenden Voraussetzungen geschaffen werden: „Wir wollen, dass das „Leben auf dem Land lebenswert bleibt.“ Der Obinger Bürgermeister Sepp Huber mahnt das Kultusministerium an, Konzepte für den Erhalt der wohnortnahen Schulen zu entwickeln: Das sei ein wesentlicher Bestandteil einer funktionierenden Nahversorgung. Zu Äußerungen aus der Versammlung, dass in Obing die Infrastruktur intakt sei, meinte der Bürgermeister: „Aber wir müssen in die Zukunft schauen und immer am Ball bleiben.

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Mit Betriebsräten und Klinikchef

16.11., Kliniken Südostbayern in Traunstein – In einer wirtschaftlich angespannten Situation befinden sich die Kliniken Südostbayern (SOB) in Traunstein, wie ich bei einem gemeinsamen Besuch mit den Grünen KreissprecherInnen Helga Mandl und Sepp Hohlweger erfahre. Die beiden Betriebsratsvorsitzenden Hans Kern (Gesamt-BR) und Thomas Nicolai (BR-Traunstein) schildern uns die aktuellen Probleme des Unternehmens, das derzeit ein Sanierungsprogramm durchläuft, während die Rahmenbedingungen im Gesundheitswesen ohnehin schwierig sind. Den Betriebsräten bereitet der massive Abbau von qualifiziertem Personal, der insbesondere in der Pflege vorgenommen wird, große Sorge. Die geringer qualifizierten Kräfte, die im Betrieb teilweise eingesetzt werden, können die Verluste nicht kompensieren: „Es besteht die Gefahr, dass durch Ausdünnung und Überforderung unserer Kolleginnen und Kollegen die Versorgungsqualität der Patienten leidet“, warnen die Betriebsräte. Beim SOB-Vorstandsvorsitzenden Dr. Uwe Gretscher informiere ich mich über die Einrichtungen der Akutgeriatrie und Geriatrischen Reha, die über mehrere Klinikstandorte in beiden Landkreisen verteilt sind. Der Klinikchef erläutert die Struktur der Kliniken und unterstreicht die Notwendigkeit des Sanierungsprogramms. Tatsächlich erschwerten die im neuen Krankenhausstrukturgesetz festgelegten bundeseinheitlichen Normen ein erfolgreicheres Wirtschaften, klagte Dr. Gretscher, der reduzierte Basisfallwert (Kassenzuwendungen je Patient) und der ab 2017 erhobenen Fixkostendegressionsabschlag führten voraussichtlich zu einer weiteren Ertragsschwächung vieler Kliniken. Einig sind wir uns dennoch darin, dass eine Trägerschaft in kommunaler Hand die beste Option für Patienten und Mitarbeiter ist.

Wir Grünen fordern mehr Verantwortung für die Kommunen, weil die am besten wissen, was vor Ort gebraucht wird. Nur so können die Interessen der PatientInnen in den Mittelpunkt stehen, statt die des Marktes, zudem lässt sich eine bessere Verzahnung von Krankenhäusern mit Kassen, Pflegekräften, Apotheken und Ärzten gewährleisten.

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Einsatzleiterin Marille Schachner (links) und Monika Heiß (Vorsitzende) vom Familienpflegewerk

16.11., Besuch beim Familienpflegewerk in Trostberg – Das Familienpflegewerk ist mit rund 150 qualifizierten Fachkräften an 20 Orten in Bayern der größte Anbieter von Familienpflege im Freistaat. Es hilft in vielen familiären Notsituationen, wie z. B. bei psychischer Überlastung von Erziehenden, bei einem Klinik-, Reha- oder Kuraufenthalt und sonstigen Krankheitsfällen oder bei familiären Extremsituationen wie etwa Mehrlingsgeburten. Die Familienpflegerinnen übernehmen Aufgaben von der Haushaltsführung bis zur Kinder- und Seniorenbetreuung. Die Vorsitzende Monika Heiß und die Trostberger Einsatzleiterin Marille Schachner erzählen mir, dass das Familienwerk quasi rund um die Uhr im Einsatz sei und immer schnell handeln müsse. Auf meine Frage, wie der Erstkontakt zustande komme, erklärt Frau Schachner: „MitarbeiterInnen vom Sozialdienst der Kliniken oder vom Jugendamt rufen uns an, wenn schnelle Hilfe benötigt wird.“ Was übrigens immer häufiger vorkomme: „Die Nachfrage steigt.“Zugleich wachsen die finanziellen Sorgen des Verbandes dramatisch: „Im letzten Jahr mussten wir 1,3 Millionen Euro an Zuschüssen und Spenden generieren“, sagt Frau Heiss. Wie viele andere Sozialverbände kann auch das Familienwerk nicht kostendeckend arbeiten. Zudem ziehe sich der Landesverband der Caritas, unter dessen Dach das Familienwerk bislang verankert ist, angesichts der angespannten Kostensituation aus dieser Verantwortung zurück. Wegen der schlechten Bezahlung werde es zudem immer schwerer, Nachwuchs für die vielfältigen Betreuungstätigkeiten zu finden. Für die intensive fünfjährige Ausbildung gibt es bislang keine finanzielle Unterstützung. Was auch daran liege, dass die geschulten BetreuerInnen bislang nicht als „Fachkräfte für Haushalt und Familie“ anerkannt würden. Für die Qualifizierung von Haushaltshilfen und Hauswirtschafterinnen gebe es keine Zuschüsse – und eine andere Bewertung würde ihnen bislang versagt, erklärte die Vereinsvorsitzende und bat mich, dass ich mich dafür einsetze: „Wir möchten, dass die Familien gute qualifizierte Hilfe bekommen, und wir möchten, dass unsere Mitarbeiterinnen vernünftig bezahlt werden.“

16.11., Demografieveranstaltung in Traunstein – Im Jahre 2050 wird ein Drittel der deutschen Bevölkerung über 65 Jahre alt sein. Die Frage, wie wir im Alter selbstbestimmt leben können, wird damit immer virulenter. Und was kann die Politik, was können wir PolitikerInnen tun, um älteren Menschen Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen? Darüber diskutiere ich bei einer Veranstaltung des Grünen-Ortsverbandes Traunstein und stelle eingangs unsere Positionen zum „Aktiven Altern“ vor: Die Grünen-Bundestagsfraktion fordert unter anderem die Förderung einer „altersfreundlichen Kultur“, von altersgerechtem und barrierefreiem Wohnen, das es älteren Menschen ermöglicht, länger als bisher in vertrauter Umgebung selbstbestimmt wohnen zu bleiben, sowie ein Programm für Lotsen-, Informations- und Vernetzungsbüros, die als lokale Ansprechstellen für Fragen rund ums Alter dienen. Meinem Vortrag folgt eine sehr lebhafte Debatte im Publikum. Viele sehen Mobilität als Qualitätsmerkmal ein gutes Leben im Alter. Wer denkt denn schon mit vierzig bei einem Neubau an Barrierefreiheit? Kreisrat Sepp Hohlweger merkt dazu an, dass in Österreich 20 Prozent der Neubauten barrierefrei sein müssen. Das ist eine wirklich vorausschauende Regelung: Wer sich nicht mehr aus seiner Wohnung herausbewegen kann, fühlt sich abgeschoben. Doch keiner darf sich im Alter abgeschoben fühlen. Auch das Älterwerden in der Arbeit ist Thema. Was zuversichtlich stimmt: Altersgemischte Teams sind in vielen Firmen sehr erfolgreich, die Älteren bringen da ihre langjährige Erfahrung in den Arbeitsprozess mit ein. Ein Besucher wusste von ein einem nachahmenswerten Beispiel aus dem Handwerk. Ein älterer Mitarbeiter, der zuvor arbeitslos war, wurde eingestellt, obwohl er körperlich mit den Jungen nicht mithalten könnte, erzählt er. Dort habe der Chef jemanden mit Erfahrung gesucht.

„Es gibt Leute, die verfallen in eine Depression, wenn sie in Rente gehen“, stellt ein Gast fest, ein praktizierender Arzt. Da könne und müsse man vorbeugend etwas tun. Recht hat er: Viele denken zu lange nicht daran, was sein wird, wenn sie älter sind – und dann läuft plötzlich die Zeit davon. Wir müssen Orte schaffen, wo Menschen geholfen wird, aktiv zu bleiben und weiterhin einen Sinn im Leben zu finden. Ein anderer Besucher hält ein leidenschaftliches Plädoyer für Leihopas und Leihomas. Fazit der Veranstaltung ist, dass es ein aktives und sinnerfülltes Leben bis ins hohe Alter geben kann, wenn drei Rahmenbedingungen stimmen: Finanzen, Wohnen und Mobilität. Um das für alle zu erreichen muss die Politik noch viel tun. Das gilt für den Bund, der gefordert ist, Altersarmut zu vermeiden, ebenso wie für die Gemeinden, die in Wohnen und Mobilität investieren müssen. Traunstein, das immerhin als Modellkommune „Bayern barrierefrei 2023“ ausgezeichnet wurde, kann da beispielhaft vorangehen.

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Das Erfolgsmodell KONTAKT in Freilassing.

17.11., Mehrgenerationenhaus KONTAKT in Freilassing – Ein sehr spannender Besuch, für den ich mich bei Karin Niedermeyer, der Leiterin des Mehrgenerationenhauses und Quartiersmanager Michael Schweiger bedanken möchte. Der Standort des KONTAKT mitten im dicht besiedelten Stadtteil sei bewusst so gewählt worden, erzählt mir Herr Schweiger. Früher sei der Stadtteil von Drogenkriminalität, Gewalt und einem zu hohen Anteil sozial benachteiligter Menschen geprägt gewesen: „Der Stadtteil war auch optisch grau, also nicht wirklich ein Ort für ein gutes Leben“. Um den Brennpunkt zu entschärfen sei im Jahr 2000 zunächst ein Bauwagen als Anlaufstelle für Kinder, Jugendliche und ihre Eltern aufgestellt worden. 2003 wurde ein Jugendtreff mit Migrationsberatungsstelle eingerichtet, ein Jahr später sei der Stadtteil in das Städtebauförderungsprogramm „Soziale Stadt“ aufgenommen worden. Seitdem entwickele sich die Einrichtung mit der Beteiligung verschiedener Träger sozialer Arbeit zum Bürgerzentrum. „Integration gelingt nur mit den Bürgern vor Ort, die sich aktiv beteiligen und auf die neu dazugekommenen aktiv zugehen“, .sagt KONTAKT-Leiterin Karin Niedermeyer und verweist auf zahlreiche erfolgreiche Projekte wie Bürgerküche, Seniorenbüro, Hausaufgabenbetreuung, Familien-, Bildungs- und Lesepatenschaften, das Sprach-Café Lingua und viele weitere Angebote, die allen Flüchtlingen und MigrantInnen kostenlos offen stünden. Ehrenamtliche Helfer aller Altersgruppen seien gerne gesehen. Leider sind immer wieder aufwändige Bewerbungsverfahren um die Finanzierung des Mehrgenerationenhauses notwendig, die Situation ist weder nachhaltig noch sicher. „Wir erhoffen uns mittelfristig eine Verstetigung der Finanzierung im Bundeshaushalt, damit unsere Arbeit und unsere Projekte nachhaltig auf sicherem Fuß stehen“, so Karin Niedermeyer. „Die Mehrgenerationenhäuser leisten so wertvolle Arbeit, das muss es uns dann auch wert sein!“

Mein Eindruck, dass das KONTAKT tatsächlich ein vitaler Ort der Begegnung und des Miteinanders ist, bestätigt sich am Abend: in der Bürgerküche findet das monatliche Kochen unter dem Motto „Freilassing isst interkulturell & vegan“ statt. Da mache ich sehr gern mit und darf zwischen dem schneiden von Zwiebelringen und dem Fritieren von Gemüsebratlingen einige spannende Fragen zu meiner Arbeit im Bundestag beantworten.

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Alle Kinder freuten sich mit mir über Rico und Oskar.

17./18.11., Vorlesetag der Stiftung Lesen – Neun von zehn Kindern lieben das Vorlesen, das hat das Institut für Lese- und Medienforschung der Stiftung Lesen ermittelt. Kinder, denen regelmäßig vorgelesen wird, verfügten über einen deutlich größeren Wortschatz als Gleichaltrige ohne Vorleseerfahrung und hätten später mehr Spaß beim Selberlesen. Ich selber war als Kind eine richtige Leseratte, habe sehr viel aus Büchern gelernt und mir damit fremde Welten erobert. Deshalb beteilige ich mich immer wieder gern am bundesweiten Vorlesetag der Stiftung. Inzwischen ist eine kleine Tournee daraus geworden: An zwei Vormittagen besuche ich drei Schulklassen in Freilassing (Montessorischule) und München (KUSS Klasse, Mittelschule an der Bernaystraße, Ernst-Barlach-Schulen), um dort aus Andreas Steinhövels wunderbarem Kinderkrimi „Rico, Oskar und die Tieferschatten“ vorzulesen. Einige Passagen lesen die Kinder ihren Klassenkameraden selbst vor, wir unterhalten uns hinterher darüber – manche kennen die Geschichte schon aus dem Film und stellen Vergleiche an. Es macht einen Riesenspaß. Ich komme nächstes Jahr wieder, versprochen!

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Angeregte Diskussion nach dem Film.

18.11., „immer dienstags um fünf“ im Grünen Kino – Die Münchner Nemetschek-Stiftung nennt ihr Projekt „Verabredung mit der Zukunft“. Menschen unterschiedlicher Generationen, mit verschiedenen kulturellen Wurzeln und teilweise gegensätzlichen Lebensweisen trafen sich auf Einladung über ein Jahr lang wöchentlich, die Kamera begleitete einige dieser Zufallspaare, und schließlich wurde ein Film daraus: „immer dienstags um fünf“ heißt die Dokumentation, die wir uns im Rahmen unserer Filmreihe Demografie im Mehrgenerationenhaus „Unter den Arcaden“ ansehen. Es ist ein interessantes Experiment, mit dem die Stiftung den Veränderungen in unserer Gesellschaft auf den Grund gehen will. Das Konzept: Kommunikation herzustellen zwischen Leuten, die sich sonst wahrscheinlich niemals im Leben begegnet wären, ihnen dabei zuzuhören und zuzuschauen, um zu erleben, wie es sich über eine längere Zeitspanne entwickelt. Sehr eindrückliche und berührende Momente sind da entstanden, etwa zwischen dem 40jährigen Yusupha, der seine Familie in Gambia zurückgelassen hat, und der 75jährigen Inge, die als Kind nach dem Krieg aus Mähren flüchten musste.

Silke Zimmermann, eine der Produzentinnen, diskutiert mit uns im Anschluss über den Film. „Wir werden bunter, älter, weniger“, sagt sie, darauf muss sich unsere Gesellschaft vorbereiten. Ein gemeinsames Filmprojekt kann da schon viel in Bewegung bringen. Der Film ist im positiven Sinn ein Lehrstück geworden – „immer dienstags um fünf“ gibt Anregungen, stößt Gespräche an. Ich finde es toll, wie leidenschaftlich die ZuschauerInnen hinterher in die Debatte kommen, von ihren Gefühlen und ihren eigenen privaten Erfahrungen und Initiativen berichten. Ganz im Sinne der Nemetschek-Stiftung, die sich der Stärkung demokratischer Kultur verschrieben hat und entsprechende Unternehmungen fördert. – Der OV München Nord und ich setzen unsere Filmreihe am 20. Januar fort, dann mit „Sputnik Moment“ im Kulturzentrum 2411.

 

 

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