30. März – 4. April 2015 – Blicke über den Tellerrand – Reise nach Kambodscha

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Mein erster Termin dieser Reise war ein Gespräch bei der Global Alliance Against Traffic in Women. GAATW setzt sich für die Einhaltung der Menschenrechte von Migrantinnen ein. In ihrem aktuellen Projekt bringt Bandana Pattanaik, Geschäftsführerin von GAATW, verschiedenste Organisationen zusammen, um gemeinsam jenseits der akademischen Debatten Frauen vor Ort (das heißt oft: in ländlichen Regionen) zu erreichen. Ganz praktisch ist dann der erste Schritt zu untersuchen, warum Frauen ihre Heimat verlassen, um jenseits der Grenzen zu arbeiten. Dann geht es darum, Frauen darüber aufzuklären, was sie erwartet, wenn sie bspw. als Hausangestellte nach Dubai oder Malaysia gehen. Aber auch, welche Perspektiven sie eigentlich in ihrer eigenen Heimat haben.Doris Wagner vor der Heinrich-Böll-Stiftung in Kambodscha GAATW ist eine Allianz von über 100 Nichtregierungsorganisationen aus Afrika, Asien, Europa, Nord- und Südamerika und hat sein internationales Sekretariat hier in Bangkok. In Deutschland arbeitet GAATW mit Ba Ying in Berlin zusammen, um Migrantinnen in Deutschland vor Ausbeutung und Rechtlosigkeit zu schützen.

Böll Stiftung Kambodscha
Kennenlernen der Böll Stiftung Kambodscha und Briefing zu Menschenschmuggel, Menschenhandel und ‚Safe Migration‘. 
Damit von Menschenhandel gesprochen werden kann, braucht es die drei Elemente Täuschung, Zwang und Ausbeutung. Das ist nicht immer von Anfang an in einem Migrationsprozess der Fall. 
Aus Kambodscha gehen häufig Männer – zunächst freiwillig – nach Thailand, um dort auf dem Bau zu arbeiten. Sie enden dann aber oft für Jahre auf thailändischen Fischerbooten und werden dort gegen ihren Willen festgehalten. Das ist Menschenhandel. Oder Frauen gehen als Hausangestellte nach Malaysien und genießen dort aufgrund der mangelnden Rechtslage keinerlei Schutz. Wenn es dort zu Ausbeutung und Zwang kommt, ist auch das Menschenhandel. Oder Bride Trafficking, kambodschanische Frauen, die nach China ‚verkauft‘ werden. Sie gehen in manchen Fällen zunächst durchaus freiwillig. Wenn sie dann aber bspw. zur Prostitution gezwungen werden, wird auch das zu Menschenhandel. 
In jüngerer Zeit wird oft von ’safe migration‘ gesprochen. Das sind neue Aufklärungsprogramme, die zum Ziel haben, Menschen, die entschlossen sind, ihr Heimatland zu verlassen, über die möglichen Gefahren aufzuklären. Über die ‚do’s and dont’s‘, wie z.B. den eigenen Pass niemals wegzugeben. 
Ein großes Problem ist, dass Migration über legale Kanäle so schwierig ist. Die Prozedur ist sehr teuer und dauert sehr lange. Ein Mensch, der aus wirtschaftlichen Gründen sein Land verlässt, der eine Arbeit braucht, um zu überleben oder seine Familie zu ernähren, kann das nicht bezahlen und kann auch nicht so lange warten.

In der deutschen BotschaftDeutsche Botschaft
Ich habe mich mit der stellvertretenden Botschafterin, Daniela Dempf, und Birgit Strube, BMZ Referentin für Gesundheit, über die Situation von Frauen, die gesundheitliche Situation im Land und die Minenproblematik hier unterhalten.
Frau Strube berichtet, dass Kambodscha bei den Milleniumszielen (MDGs) was Mütter- und Kindersterblichkeit anbetrifft einigermaßen gut abschneidet. Die Zahlen sind deutlich gesunken. Allerdings sind sie im Vergleich zu den Nachbarländern immer noch sehr schlecht, außerdem war die Ausgangssituation wirklich sehr schwierig.
Die Regierung unternimmt gezielt Anstrengungen in diesem Bereich. Es gibt in zwischen fast flächendeckend Gesundheitszentren, in denen im Wesentlichen Hebammen und Krankenschwestern die PatientInnen betreuen, was natürlich besonders für schwangere Frauen von großer Bedeutung ist. Leider sind die Zentren in einigen Regionen in sehr schlechtem Zustand und trotzdem gehen die Frauen zunehmend dorthin, um ihre Kinder zu gebären.
Ich habe Frau Strube nach Verhütung und dem Abtreibungsrecht gefragt. Auffällig ist, dass es in Kambodscha extrem viele Abtreibungen gibt, die hier legal sind. Allerdings lassen Frauen Abtreibungen aus Geldnot oft illegal vornehmen. Dass es zu so vielen ungewollten Schwangerschaften kommt, ist laut Frau Strube hauptsächlich darauf zurück zu führen, dass es weder in den Familien noch in der Schule wirklich Aufklärung gibt. Der Direktor der Böll-Stiftung in Phnom Penh, Ali Al-Nasani, hat mich zu dem Gespräch begleitet und hat hinzufügt, dass hier mittlerweile Valentinstag gefeiert wird und junge Frauen ihren Freunden häufig ihre Jungfräulichkeit zum Geschenk machen. Das macht deutlich, dass es hier an Bewusstsein fehlt.
Es gibt in Kambodscha ca. 2 Millionen Menschen, die unterhalb der Armutsgrenze leben und die eine ‚Armenkarte‘ bekommen. Diese Karte berechtigt sie, sich kostenlos in den Gesundheitszentren behandeln zu lassen. Krankheit ist ein enormes Armutsrisiko in Kambodscha. Das zeigt sich besonders bei denjenigen Menschen, deren Einkommen gerade so über der Armutsgrenze liegt. Werden sie krank, erleiden sie einen Einkommensverlust, der sie sofort ‚arm‘ macht und die Kosten für die Behandlung sind praktisch unerschwinglich. Deshalb ist im Gesundheitswesen als nächster Schritt eine Krankenversicherung geplant, die eine Grundversorgung gerade dieser Bevölkerungsgruppe sicherstellt. Unklar ist noch, wie diese Versicherung finanziert werden soll, ob die Versicherten einen finanziellen Beitrag leisten müssen.
Schließlich sind wir noch auf das Thema Demografie zu sprechen gekommen. Auch in Südostasien sinken die Geburtenraten und die Menschen werden älter. Besonders auffällig ist das in Thailand zu sehen. Auch in Kambodscha ist die Geburtenrate gesunken. Von 5 auf 2,4 Kinder pro Frau. Trotzdem nimmt die Bevölkerungszahl noch zu, weil jetzt die geburtenstarken Jahrgänge Kinder bekommen. Aber es ist abzusehen, dass sich das ändern wird. Problematisch ist für Kambodscha auch die sehr starke Abwanderung in die Nachbarländer.
Mit Frau Dempf haben wir hauptsächlich über die Minenproblematik gesprochen. Es wird geschätzt, dass alleine im Nordwesten des Landes ca. 2 Millionen Minen liegen. Durch Minen haben seit 1979 etwa 25.000 Menschen Gliedmaßen verloren, 19.684 wurden getötet und über 44.000 wurden verletzt. Ganze Landstriche können dadurch nicht erschlossen werden, was ein erhebliches wirtschaftliches Problem ist. 
Einzelne Landstriche sind nach der Räumung frei gegeben und werden besiedelt oder an Investoren verkauft. Aber es wird noch erhebliche Anstrengungen brauchen, bis die Minen mehrheitlich beseitigt sind. Aktuell arbeiten überwiegend ehemalige Armeeangehörige und Polizisten in den Minenräumprojekten. Das Bestreben des BMZ ist es derzeit, diese durch zivile Mitarbeiter zu ersetzen und auch die aktuellen Kooperationspartner durch zivile Organisationen zu ersetzen. Der Weg soll mehr hin zum ‚humanitären Minenräumen‘ gehen. Für ehemalige Minenräumer, die durch diese Umstrukturierung ihren Job verlieren, soll es Trainingsprogramme geben, um sie für andere Tätigkeiten zu qualifizieren.

Im Goethe-InstitutGoethe Zentrum
Auf dem Weg zum nächsten Termin habe ich kurz beim Goethe Zentrum vorbei gesehen. Hier werden Sprachkurse und Kulturveranstaltungen angeboten. Es gibt sogar einen kleinen Ausstellungsraum, wo gerade eine Ausstellung mit Fotos zu jüdischem Leben in Phnom Penh zu sehen ist. Aktuell ist gerade ein Career Day in Planung. Deutschland soll vorgestellt und die Möglichkeiten, die sich bei uns bieten, aufgezeigt werden. Viele Kambodschaner gehen zum Studium eher in die USA, nach Frankreich oder Großbritannien, weil sie bspw. nicht wissen, dass es in Deutschland inzwischen auch englischsprachige Studiengänge gibt. Bei diesem Career Day wird auch die Böll Stiftung Cambodia mit einem Stand mit von der Partie sein. Die Stelle des Leiters des Deutschzentrums, Wolfgang Asen, wird derzeit vom Goethe Institut in Indonesien finanziert. Allerdings läuft diese Förderung Ende des Jahres aus. Dann muss das Zentrum sich selber finanzieren oder eine andere Geldquelle auftun.

Norbert Feige, Rechts- u. Parlamentsberater
Ich habe Norbert Feige getroffen. Er ist Rechts- u. Parlaments-berater bei der Nationalversammlung des Königreichs Kambodscha. Das Centrum für Internationale Migration (CIM) in Frankfurt hat ihn an die giz vermittelt, die ihn nach Kambodscha entsandt hat. Angestellt ist er bei der kambodschanischen Nationalversammlung beim Wissenschaftlichen Dienst.
Herr Feige hat mir das kambodschanische Parlamentswesen vorgestellt und einen Einblick in die aktuelle politische Lage gegeben. 
Eine Schwierigkeit ist das geringe Qualifikationsniveau vieler Mitarbeiter und die weit verbreitete Vetternwirtschaft. So haben im Wissenschaftlichen Dienst nur 10 von 50 Mitarbeitern eine ausreichende Befähigung für die Tätigkeit. 
Ein Punkt, in dem sich das kambodschanische und das deutsche Parlament deutlich unter-scheiden, ist die Rolle des Parlamentspräsidenten bzw. des Präsidiums. In Deutschland hat der Parlamentspräsident eine moderierende Rolle, das Präsidium vertritt die Interessen aller Parteien. In Kambodscha vertritt der Parlamentspräsident ausschließlich die Interessen der Regierung. 
In aller Munde ist derzeit die ‚Wahlrechtsrechtsreform‘, die Licht- und Schattenseiten hat. Zustande gekommen ist diese Reform offenbar hinter verschlossenen Türen in einem äußerst intransparenten Aushandlungsprozess zwischen der Regierungs- und der größten Oppositionspartei. Die Aufgabe von Feige ist es, die Nationalversammlung bei solchen Gesetzesvorhaben zu beraten. Er bedauert, dass er gerade bei diesem Projekt nicht involviert wurde. 
Ein weiteres Projekt, das die Regierung angekündigt hat, ist ein NGO-Gesetz. U.a. ist vorgesehen, dass sich NGOs künftig registrieren müssen. Das ist für sich genommen ja eigentlich zu begrüßen. Es steht allerdings zu befürchten, dass dieses geplante Gesetz dazu genutzt werden soll, die Arbeit der NGOs zu beschränken oder sie möglicherweise sogar zu verbieten. Bekannt ist außerdem schon, dass sich NGOs künftig im Wahlkampf nicht mehr politisch äußern dürfen. Auch das lässt viel Raum für Interpretation.

Mu Sochua, Mitglied der NationalversammlungIMG_0998
Öffentlich aus der Verfassung gelesen und verhaftet: Ich habe Mu Sochua getroffen. Eine beeindruckende Frau. Sie ist eine in Kambodscha bekannte Persönlichkeit, populäre und streitbare Frauenrechtlerin, Kämpferin für Demokratie und Abgeordnete der Oppositionspartei CNRP (Cambodian National Rescue Party). Das Gespräch fand in ihrem Büro im Gebäude der Nationalversammlung statt. Frau Sochua ist derzeit in ihrer 3. Amtsperiode und im Büro des Oppositionsführers zuständig für den Themenbereich Frauen, Kinder und kambodschanische Wanderarbeiter. In ihrer zweiten Amtsperiode war sie Frauenministerin. 
2013 gab es in Kambodscha Parlamentswahlen und die Opposition hat dabei deutlich dazu gewonnen. Ein klares Zeichen dafür, wie unzufrieden die Menschen hier mit der Regierungspartei sind. Mit Ministerpräsident Hun Sen ist sie schon seit den 90iger Jahren an der Macht. 
Obwohl die Opposition so gestärkt aus der Wahl hervorgegangen ist, hat es ganz offensichtliche und von verschiedenen unabhängigen Organisationen bestätigte Unregelmäßigkeiten zugunsten der Regierungspartei gegeben und so haben die PolitikerInnen der oppositionellen Partei entschieden, die Nationalversammlung zu boykottieren. Statt in die Nationalversammlung ist Mu Sochua jeden Tag zum Freiheitsplatz gegangen und hat dort öffentlich aus der Verfassung vorgelesen. Jeden Tag ist sie weg getragen worden und musste schließlich für 7 Tage ins Gefängnis. Im Sommer 2014 haben die Oppositionellen ihren Boykott aufgegeben, nachdem sie im Ringen um eine Wahlrechtsreform zwei wichtige Punkte durchsetzen konnten. Es wird eine Neuerfassung der WählerInnen geben, also ein neues Wahlregister. Sowohl die EU als auch Japan werden diesen Prozess technisch unterstützen. Das zweite ist, dass die Wahlkommission künftig jeweils zu 4 Personen von der Regierung und der Opposition benannt wird und dazu kommt eine neunte, neutrale Person. Allerdings mussten sie auch einige Kröten schlucken: Die Wahlkampfzeit wurde verkürzt und es dürfen nur noch drei Großveranstaltungen in diesem Zeitraum gemacht werden. Das ist gerade für die Opposition äußerst nachteilig, weil sie fast ausschließlich über solche Veranstaltungen und über die sozialen Netzwerke mobilisieren. Viele Wählerinnen und Wähler sind enttäuscht, dass die Opposition ins Parlament zurückgegangen ist. Sie hatten auf eine Neuauszählung der Stimmen oder auch auf Neuwahlen gehofft. 
Was die Situation von Frauen anbetrifft, sind in den letzten Jahren besonders bei den MDGs (Millenium Development Goals) erhebliche Fortschritte gemacht worden. Mütter- und Kindersterblichkeit sind stark gesunken. Allerdings sind sie auch jetzt noch auf dem Niveau von Laos und somit erheblich. Häusliche Gewalt ist nach wie vor ein großes Problem in Kambodscha. Davon an anderer Stelle mehr. 80% der Kleinunternehmen, so wie Marktstände z.B., sind in Händen von Frauen. Aber je größer die Firma, desto geringer der Anteil von Frauen. Allerdings wurden die Schwierigkeiten gerade für Mädchen, weiterführende Schulen zu besuchen, erkannt. Und es wurden Mädchen-Wohnheime in den Städten eingerichtet, um ihnen den Schulbesuch zu ermöglichen, auch wenn sie aus ländlichen Gebieten kommen.

Boeng Kak See
Boeng Kak SeeMitten in Phnom Penh hat es noch vor kurzem einen großen See, den Boeng Kak, gegeben. Bis die Regierung diesen See an einen chinesischen Investor verkauft hat. Der hat ihn mit Sand aufgefüllt, um hier zu bauen. Die Menschen, die hier gewohnt haben, wurden quasi ‚zwangsumgesiedelt‘. Sie bekamen Ersatzwohnungen weit außerhalb der Stadt angeboten oder sie wurden gar nicht bzw. nur sehr unzureichend entschädigt. Demonstranten oder Anwohnerinnen und Anwohner, die sich weigerten, ihre Häuser zu räumen, wurden bzw. werden mit Gefängnis bestraft. 
Die Regierung verkauft immer wieder Landkonzessionen an private Unternehmen hauptsächlich aus Vietnam, Thailand, Singapur und China, ohne zu berücksichtigen, ob dort jemand wohnt. Es gibt zwar ein Gesetz, das festlegt, dass in solchen Fällen die Bevölkerung gefragt werden, angemessen entschädigt oder umgesiedelt werden muss. Allerdings werden diese Gesetze praktisch nie umgesetzt. Es ist schon häufig vorgekommen, dass Menschen morgens aufgewacht sind und Bagger standen vor ihrer Tür, ohne das es jemals eine Entschädigung gegeben hätte. In weiteren Fällen wurde anderes Land zugewiesen, das deutlich minderwertiger war. Keine Schule, kein Krankenhaus in der Nähe, ohne Wasser und Strom .
Ohne angemessene Alternativen haben die Menschen oft gar keine andere Wahl, als ins benachbarte Ausland zu gehen, um dort zu arbeiten. Siehe auch meinen Reisebericht zu ‚Trafficking‘. Frauen sind von dieser Situation oft besonders betroffen, weil sie traditionell für die Versorgung der Kinder zuständig sind. Sie müssen sie ernähren und sie zur Schule schicken. Dann sind es die Männer, die zum Arbeiten ins Ausland gehen, um ihre Familien zu versorgen.

Doris Wagner bei act!onaidAct!ionaid
Meine nächste Station war act!ionaid: Eine weltweite Bewegung die sich für Menschenrechte stark macht und Armut bekämpft. Die Schwerpunkte von act!ionaid sind das Bekämpfen von Hunger, Bildung für Alle, Notfalleinsätze und Frauenrechte. 
Hun Boramey (policy & campaign manager), Ol Putheavy (senior program officer – women’s rights) und Kate Seewald (safe cities for women campaign advisor) von act!ionaid cambodia haben mir ihre Kampagne ’safe cities for women‘ vorgestellt. 
Phnom Penh ist mit Abstand die größte Stadt in Kambodscha und wächst beständig. Viele Frauen kommen hierher, um in der Textilindustrie zu arbeiten, die wie ein Ring um die Stadt liegt. Andere wiederum kommen, um in der ‚Unterhaltung‘ im weitesten Sinne ihr Geld zu verdienen. Bier Promotion, Karaoke, Kellnern, aber auch Prostitution. 4 von 5 Frauen fühlen sich unsicher, wenn sie nach Einbruch der Dunkelheit alleine auf der Straße unterwegs sein müssen.
Fragen, die sich daraus ergeben sind, ob und wie die Infrastruktur und die Öffentliche Verwaltung mit diesem Wachstum mithalten kann, und wie der Staat dafür sorgen kann, dass Frauen sich im öffentlichen Raum sicher fühlen können und es auch sind.
Angst vor sexueller Gewalt schränkt die Bewegungsfreiheit von Frauen in der Stadt ein. Sie verhindert, dass Frauen am wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Leben teilhaben. Dazu kommt, dass schlechter Zugang zum Justizsystem, das noch dazu äußerst Korrupt ist, und die mangelnde Verfolgung von sexuellen Übergriffen zu einer Kultur der Straffreiheit geführt hat. 2012 sind bei 665 Vergewaltigungen nur sieben Täter verurteilt worden. 
Fragen, die sich daraus ergeben sind, wie der Staat dafür sorgen kann, dass Frauenrechte in der Stadt Beachtung finden und durchgesetzt werden können, und wie der Staat Polizei und Justiz für Opfer von sexuellen Übergriffen verbessern kann. 
act!ionaid setzt sich für ‚GRPS‘ ein: gender-responsive public services. Die Öffentliche Verwaltung muss die Bedürfnisse von Frauen und Mädchen berücksichtigen. Öffentliche Leistungen müssen sicher zugänglich und nutzbar sein. Ganz konkret bedeutet das: Angemessene Beleuchtung um Textilfabriken herum und ganz besonders zwischen den Fabriken und den Unterkünften der Arbeiterinnen. Gut beleuchtete öffentliche Toiletten und Wasserstellen. Das bedeutet auch: mehr Polizistinnen, Polizeistreifen und Gendertrainings. Und nicht zuletzt heißt das: sichere und bezahlbare Wohnungen für Frauen und Kinder, Notunterkünfte für Frauen, Anlaufstellen, ärztliche und psychologische Betreuung für Opfer von Vergewaltigung. 
Ich habe bei act!ionaid cambodia engagierte und kämpferische junge Frauen kennen gelernt und ich war beeindruckt von ihrer power! Sie arbeiten mit der öffentlichen Verwaltung, den Textilfirmen und der Polizei. Dort versuchen sie immer wieder Sensibilität für die Sicherheitsbedürfnisse von Frauen zu schaffen. Aber sie machen auch öffentliche Veranstaltungen zum internationalen Frauentag, zu ‚one-billion-rising‘ und gehen in die Kommunen. Um ihrem Anliegen mehr Öffentlichkeit zu geben und möglichst viele Menschen zu erreichen, haben sie einen Radio-Spot, auf den sie sehr stolz sind, Banner auf Tuk-Tuks (hier sehr verbreitete Moped-Taxis) und sie haben eine bekannte Schauspielerin als ‚Gesicht‘ für ihre Kampagne gewinnen können. Ich wünsche den Frauen von act!ionaid weiterhin viel Kraft und viel Erfolg. Gemeinsam ist uns allen, dass wir eine Welt frei von Gewalt gegen Frauen wollen!

IMG_1047Pum Sichan, Senatorin und Vize-Vorsitzende der Frauenkommission 
Dieses Mal treffe ich eine Vertreterin der Regierungspartei. Das merkt man sofort. Sehr förmlich, ein großer Saal, die Königsfamilie an der Wand, ein Fotograf, eine Person, die filmt, eine Übersetzerin, ein Mitarbeiter und Dr. Daniel Heilmann, deutscher Völkerrechtler und Rechtsberater, der wie Norbert Feige über die giz nach Kambodscha gekommen und direkt beim Senat angestellt ist. Wir dagegen sind nur zu Dritt, ich werde begleitet von Ali Al-Nasani, dem Direktor der Böll Stiftung in Kambodscha, und einer Mitarbeiterin, die für mich dolmetscht. 
Pum Sichan ist Senatorin und Vize-Vorsitzende des Ausschusses für Gesundheit, Soziales, Veteranen, Jugend, Arbeit, Ausbildung und Frauen. Der Ausschuss besteht aus 5 Personen, von denen 4 der Regierungspartei und eine Person der Oppositionspartei angehören. Das Verhältnis ist praktisch wie im Bundestag. Insgesamt besteht der Senat aus 57 Personen: 2 vom König ernannt, 2 von der Nationalversammlung gewählt. Und der Rest wird von den kommunalen Räten gewählt. 
Hätte ich nicht gewusst, dass Frau Pum der Regierung angehört, wäre es in dem Gespräch ziemlich bald deutlich geworden. Anders als meine vorherigen Gesprächspartnerinnen, die etliche Situationen ziemlich kritisch sehen, zeichnet Frau Pum ein deutlich positiveres Bild. 
Die Lebensumstände von Frauen verändern sich ganz extrem. Bislang haben die meisten kambodschanischen Frauen ihr Leben in den ländlichen Gegenden des Landes bei ihren Familien verbracht und dort in der Landwirtschaft gearbeitet. Inzwischen verlassen viele von ihnen ihre Familien und ziehen in die Region von Phnom Penh, um hier in der Bekleidungs-industrie zu arbeiten. Andere wiederum verlassen Kambodscha, um in Thailand oder Malaysien als Hausangestellte tätig zu werden. Für Frau Pum offenbar eine ausschließlich positive Entwicklung. Die Frauen werden eigenständiger, unabhängiger, können Geld an ihre Familien schicken und einen Mann heiraten, den sie selber ausgesucht haben … 
Seit die Regierung eine Bildungsoffensive für GrundschülerInnen angestoßen hat, ist die Zahl der Einschulungen signifikant gestiegen. Besonders für Frauen ist es wichtig, Bildung zu erlangen, um ein unabhängiges Leben führen und ihre Familien unterstützen zu können. Auch deshalb sind Wohnheime speziell für Mädchen gebaut worden, die so in den Städten eine weiterführende Schule besuchen können. Trotzdem bleibt Bildung eine große Herausforderung. 
In Bezug auf Fächer- oder Berufswahl kam übrigens ein klarer Dissens zu meinen anderen Gesprächspartnerinnen zutage. Frau Pum beharrt darauf, dass es in Kambodscha keine ‚typisch weibliche‘ oder ‚typisch männliche‘ Berufswahl gibt. Dem haben die anderen klar widersprochen. 
Die Mütter- und Kindersterblichkeit ist unter den Millenniumsziele gefallen. Einer der Schritte, um das zu erreichen war, überall in Kambodscha Gesundheitszentren zu errichten. Derzeit gibt es ein Zentrum auf 100.000 Einwohner, nur im Nordosten des Landes mit einer sehr geringen Bevölkerungsdichte, gibt es bislang keine Gesundheitszentren. Aus diesem Grund sind Anreize für schwangere Frauen geschaffen worden, in die nächst größere Stadt zu gehen, um sich medizinisch betreuen zu lassen. Sie bekommen eine Grundausstattung für ihre Kinder und werden dort kostenlos versorgt. Es sind tatsächlich Fortschritte gemacht worden, aber trotzdem ist die Versorgung noch lange nicht gut. Viele der Gesundheitszentren sind sehr schlecht ausgestattet, es gibt sie noch nicht flächendeckend und vor allem nicht in ausreichender Zahl.

Dr. Marc Derveeuw, UNFPA
Ich habe Dr. Marc Derveeuw vom UNFPA getroffen. Der United Nations Population Fund (Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen) ist der weltweit größte Fonds zur Finanzierung von ‚Bevölkerungsprogrammen‘. Die Programmschwerpunkte liegen in den Bereichen sexuelle und reproduktive Gesundheit, Familienplanung, Bildung, Gleichberechtigung der Geschlechter und Schutz vor Gewalt gegen Frauen und Kinder. In Kambodscha ist UNFPA seit 1993 tätig, als die UN die ersten demokratischen Wahlen nach der Pol-Pot-Ära unterstützt und finanziert hat. Der Fonds unterstützt die Regierung und Nicht-Regierungs-Organisationen bei bevölkerungspolitischen Fragen. Schwerpunktmäßig geht es um reproduktive Rechte und Geschlechtergerechtigkeit. 
Bei dem Gespräch in der Botschaft hatte ich erfahren, dass die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche in Kambodscha ungewöhnlich hoch ist. Das war meine erste Frage an Herrn Derveeuw und er hat mir in der Tat bestätigt, dass die Aufklärung von Jugendlichen zu Fragen der reproduktiven Gesundheit und Schwangerschaft ein Fokus seiner Arbeit ist. Meine Vermutung, dass die Kosten für Verhütungsmittel eines der Probleme sein könnte, ist offenbar nicht zutreffend. Es ist eher eine Art kulturelle Frage. Für die jungen Kambodschanerinnen ist Verhütung gleichbedeutend mit Familienplanung und deshalb verzichten sie darauf, sobald sie in einer Beziehung sind. Ein weit verbreitetes Mittel der Verhütung sind hier Chips, die unter der Haut eingesetzt werden. Besorgt ist Herr Derveeuw darüber, dass das Bewusstsein für die Risiken von HIV/AIDS in den letzten Jahren sehr zurückgegangen ist. 
Ein großes Problem ist offenbar die große Zahl von ungewollten Schwangerschaften, auch durch sexuelle Übergriffe, unter den Textilarbeiterinnen. Zusammen mit dem Arbeitsministerium und Unternehmen arbeitet UNFPA derzeit an Leitlinien dazu, wie die Arbeiterinnen besser geschützt werden können und zur ihrer Aufklärung. Die Zusammenarbeit mit den deutschen Firmen wurde dabei ausdrücklich gelobt. Gut ist die Zusammenarbeit auch mit den koreanischen Firmen, extrem schwierig hingegen mit den Chinesen. 
Ein großes Projekt, an dem derzeit gearbeitet wird, ist ein Zensus, um genau zu erfahren, wieviele Menschen hier eigentlich leben, wie die Altersstruktur des Landes aussieht etc. Dabei soll auch nach häuslicher Gewalt gefragt werden, um eine klare Grundlage und Zahlenmaterial für die Arbeit an diesem Thema zu haben. Leider ist die Finanzierung des Zensus noch ungeklärt. Es wird angestrebt, möglichst viele Geberländer ins Boot zu holen, um keinem einzelnen Land – wie z.B. China – zu viel Einfluss zu ermöglichen. China ist offenbar tatsächlich ein schwieriges Geberland für Kambodscha. Von dort kommt sehr viel Geld für Großprojekte: Straßenbau, Flughäfen, Staudämme. Klassische Geberländer ziehen sich aber zurück, wenn zu viel Geld aus China für ein Projekt kommt, an dem sie auch beteiligt sind. 
Ein anderer Grund, warum sich Geberländer zurückziehen, ist die ‚Falle‘ der ‚middle income countries‘. Das aktuelle Wirtschaftswachstum führt dazu, dass Kambodscha in eben diese Klasse von Ländern aufsteigt. Das birgt eine große Gefahr, denn manche Ministerien bspw. sind nur durch die Zuwendungen der Geberländer überlebens- und arbeitsfähig. 
Bildung ist ein weiteres, wirklich wesentliches Thema, da gerade im Moment eine sehr große Generation heranwächst. In der Zeit nach den Roten Khmer lag die Geburtenrate bei 7 Kindern pro Frau bzw. Familie und diese große Generation ist jetzt in der Familienphase mit Kindern im Schul- und Ausbildungsalter.
Ich habe Herrn Derveeuw als sehr engagierten und emphatischen Mann erlebt. Ich wünsche ihm weiterhin alles Gute und viel Erfolg für seine Arbeit in Kambodscha.

IMG_1125CMAC ‚Humanitarian Demining‘ 
In Kambodscha liegen noch immer Millionen von Landminen und UXO (unexploded ordinance), noch immer verlieren Jahr für Jahr hunderte von Menschen ihr Leben, werden verletzt, verlieren Gliedmaßen oder ihr Augenlicht. In den letzten Jahren war die Zahl zurückgegangen, steigt aber jetzt wieder. Denn inzwischen werden auch in Kambodscha zunehmend Traktoren und anderes schweres Gerät in der Landwirtschaft eingesetzt. Das führt dazu, dass jetzt auch die Panzerminen explodieren, weil das Gewicht der Traktoren sie auslöst. 
Das perfide ist, dass gerade Landminen nicht töten sondern verletzen sollten, um damit weitere Menschen zu ‚binden‘. Sie mussten sich um der Verletzten kümmern und standen nicht mehr für den Kampf zur Verfügung. 
Ich habe in der Nähe von Siem Reap ein Minenprojekt besucht und konnte sehen, wie unglaublich aufwendig, anstrengend und natürlich auch gefährlich diese Tätigkeit ist. Unter sengender Hitze mit Helm und Schutzweste wird der Boden Zentimeter für Zentimeter untersucht. Ein Quadratmeter wird markiert, Buschwerk und Sträucher werden abgeschnitten, um dann mit dem Metalldetektor so nahe wie möglich an den Boden zu kommen. Ein leise fiependes Geräusch weist auf Metall im Boden hin. Eine Fundstelle wird mit einem Schild markiert. So robben sich die Männer (eine Frau habe ich bei diesem Projekt nicht gesehen, es gibt sie aber in den Projekten) im wahrsten Sinne des Wortes Meter für Meter voran. Am Abend wird dann versucht, die gefundenen Minen zu entschärfen. Diejenigen, die nicht entschärft werden können, werden gesprengt. 
In diesen Tagen startet dort ein neues Minenprojekt. Es werden Ratten aus Afrika importiert, die dort als Minensucher trainiert wurden. Diese Ratten riechen TNT, sie sind leicht, schnell und genauer. Ein Metalldetektor schlägt auch bei einer Dose oder anderen Metallteilen im Erdreich an. Diese Ratten finden nur den Sprengstoff. Ich werde mich auf dem Laufenden halten, wie das Projekt voran schreitet. 
Dieser Besuch hat mich wirklich zutiefst beeindruckt und mir vor Augen geführt, wie sehr Kambodscha noch Jahrzehnte nach dem Krieg immer noch unter den Folgen leidet. Ich finde es gut, dass Deutschland sich finanziell an diesen Projekten beteiligt.
Landmine Museum
Landminenmuseum in der Nähe von Siem Reap, Kambodscha
Der sechste und letzte Tag meiner Reise hat mich in das Landminenmuseum geführt. 
Eigentlich mehr als ein Museum wurde dieser Ort ‚von Kambodschanern für Kambodschaner‘ gegründet von Aki Ra, der als Kindersoldat für die Khmer Rouge kämpfen musste und gezwungen war, Minen zu legen. Irgendwann gelang es ihm zu fliehen, sein Leben wieder selber in die Hand zu nehmen und er begann, die Minen, die er einst gelegt hatte zu entschärfen und zu räumen … und das tut er heute noch. Neben dem Museum hat Aki Ra ein Kinderheim gegründet. Hier wurden anfangs nur Minenopfer aufgenommen, mittlerweile leben hier auch Kinder aus schwierigen Familien und mit anderen körperlichen Behinderungen und emotionalen Beeinträchtigungen. 
Dieses Museum zeigt eindrucksvoll, was für Auswirkungen die Minen auf Kambodscha hatten, haben und auch in Zukunft noch haben werden. Ein Ort der Mahnung. Es zeigt aber auch, was für einen Unterschied ein einzelner Mensch machen kann.

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