Bericht der Demografiekonferenz: Gemeinsam für Morgen

© Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen

10. Februar 2017 – Auf der Demografiekonferenz präsentierte ich als Sprecherin für Demografiepolitik unser grünes Demografiekonzept. Der demografische Wandel ist in vollem Gange: Während die Zahl der älteren Menschen stetig zunimmt, werden Kinder und Jugendliche weniger.

Auf der Konferenz hatten wir uns einen Tag lang Zeit genommen, unsere Ergebnisse mit vielen interessierten Menschen zu diskutieren. 

KINDERN UND JUGENDLICHEN EINE STIMME GEBEN

Prof. Waldemar Stange, Experte in Sachen Kinder- und Jugendbeteiligung, betonte, dass „gerade in ländlichen Regionen, die Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen an Bedeutung verlieren, da dort der demografische Wandel eine besondere Qualität hat.“ Dort altert die Gesellschaft besonders stark, Kinder und Jugendliche sind eine kleiner werdende Gruppe.

POLITISCHE LANDJUGEND

Waldemar Stange – © Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen

Damit junge Menschen trotzdem gehört werden, möchte die grüne Bundestagsfraktion ihre Beteiligung stärken. Dies fordert auch Prof. Stange: „Man muss den Jugendlichen etwas zutrauen und selbst etwas risikofreudiger sein“. „Wichtig ist, Jugendliche nicht auf Spielwiesen zu schicken, sondern sie ernst zu nehmen, nicht zu unterfordern und dafür zu sorgen, dass ihre Beteiligung zu echter politischer Veränderung führt. Jugendbeteiligung ist sinnvoll, machbar und macht Spaß.“

MIT MEHR ZEIT DURCH DIE RUSH-HOUR DES LEBENS

Viele Menschen empfinden die Zeitknappheit in der Rush-hour des Lebens als große Belastung. Familiengründung, Karriere und Pflege der Eltern müssen unter einen Hut gebracht werden. Gleichzeitig sorgt die demografische Entwicklung dafür, dass der Druck auf diese schrumpfende Gruppe steigt.

Immer weniger Menschen müssen den gesellschaftlichen Wohlstand erwirtschaften.
Erschwert durch einen Fachkräftemangel, der in unterschiedlichen Branchen und Regionen unterschiedlich stark ausgeprägt ist. Viele Menschen wünschen sich in dieser Phase mehr zeitliche Flexibilität. Deshalb hat die grüne Bundestagsfraktion vier Modelle entwickelt, die Menschen „Zeit“ geben: die Flexible Vollzeit, die KinderZeitPlus, die PflegeZeitPlus und die BildungsZeitPlus.

HOMEOFFICE STATT PRÄSENZKULTUR

Stefanie Lohaus – © Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen

Stefanie Lohaus, Herausgeberin des Missy Magazins und selbst mitten in der Vereinbarkeitsakrobatik wünscht sich, dass der „Club der Zeitmillionäre kein elitärer Club bleibt.“ Damit das gelingt ist eine neue gleichberechtigte partnerschaftliche Verteilung von Zeit erforderlich und neue Arbeitszeitmodelle. Dabei so Lohaus, „müssen wir wegkommen von unsinniger Präsenzkultur. Und dazu gehören mehr Ideen als das Homeoffice.“ Doch „Arbeitszeit ist nicht nur zwischen den Geschlechtern ungleich verteilt, sie ist es auch zwischen den Menschen verschiedener gesellschaftlicher Schichten und zwischen verschiedenen Ländern.“

50 FÜHLT SICH LÄNGST NICHT ALT

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Jahrzehntelang wurden ältere Beschäftigte innerbetrieblich aufs Abstellgleis verschoben, bei Neueinstellungen diskriminiert und durch eine Frühverrentungspraxis aus dem Arbeitsleben gedrängt. Die grüne Bundestagsfraktion möchte stattdessen gleichberechtigte Beschäftigte, egal wie alt sie sind. Aufgrund ihrer Erfahrung und aufgrund des Fachkräftemangels ist die Generation 50+ inzwischen stärker gefragt. Der Vorteil von altersgemischten Team wird vielerorts erkannt und gefördert.

BERATUNG FÜR ALTERSGERECHTES BAUEN

In meiner Einführung unterstrich ich, dass „die meisten Menschen sich wünschen, so lange wie möglich in ihren eigenen vier Wänden leben zu können.“ Deshalb sei es wichtig, Menschen zu ermutigen, schon in der Lebensmitte darüber nachzudenken, was an ihrem Haus oder ihrer Wohnung baulich verändert werden muss, damit sie zuhause alt werden können. Dafür sind mehr Beratung zum altersgerechten Umbauen und entsprechende finanzielle Fördermöglichkeiten sinnvoll.

Haja Schuhmacher – © Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen

Dr. Hajo Schumacher konstatierte, dass es „häufig die Einsamkeit ist, die die Menschen in die Pflegeheime bringt – nicht Krankheit. Einsamkeit kostet sieben Lebensjahre.“ Er betont, wie wichtig Sinnstiftung und Gemeinschaft für ein gutes Leben im Alter sind: „Menschen brauchen ein gemeinsames Ziel, einen gemeinsamen Sinn und eine gemeinsame Idee – das schafft Zusammenhalt im Alter.“

FACHKRÄFTEMANGEL IN DER PFLEGE

Dass der Fachkräftemangel im Pflegebereich doppelt zuschlägt, hängt an den geburtenstarken Jahrgängen, die langsam pflegebedürftig werden. Und es liegt daran, dass die Pflegekräfte selbst altern und der Nachwuchs aus den geburtenschwächeren Jahrgängen ausbleibt.

Hazal Temel – © Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen

Hazal Temel ist frisch ausgebildete Pflegerin und legte den Fokus ihres Inputs auf den Mehrwert kultursensibler Pflege. „Nicht jeder Moslem trinkt keinen Alkohol und nicht jeder Christ geht jeden Sonntag in die Kirche – auch in der kultursensiblen Pflege darf man nicht pauschalisieren!“ Kultursensible Pflege ist nicht nur etwas für ältere Menschen mit Migrationshintergrund – bei jedem Menschen muss die individuelle Geschichte berücksichtigt werden, um die Bedürfnisse angemessen zu erfassen.

WELTCAFÉS MIT 11 THEMENRUNDEN

  1. Selbstbestimmt Wohnen im Alter!

Monika Schneider (links) – © Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen

war das Thema meines Weltcafé-Tisches, der sich großer Beliebtheit erfreute. Wohnen ist ein zentraler Aspekt des guten Lebens im Alter und eine große Herausforderung. Schon jetzt gibt es in Deutschland etwas 2 Mio. barrierearme Wohnungen zu wenig. Viele machen sich bereits in der Lebensmitte Gedanke, wie sie in ihrer gewohnten Umgebung alt werden können: Was muss ich tun, damit ich in der eigenen Wohnung, im eigenen Haus bleiben kann? Was heißt eigentlich altersgerecht wohnen?

Ein wesentlicher erster Schritt ist die Beratung. Monika Schneider, Vorstandsvorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft für Wohnanpassung, hat von ihrer Arbeit berichtet und stand den TeilnehmerInnen meines Weltcafés Rede und Antwort zu den Anpassungs- und Veränderungsmöglichkeiten in der häuslichen Umgebung.

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Eines wurde schnell klar: Es geht beim altersgerechtem Wohnen nicht um Barrierefreiheit, sondern um Barrierearmut. Das Hauptfortbewegungsmittel im Alter ist der Rollator, nicht der Rollstuhl.

Häufige Maßnahmen sind Verbreiterungen von Türen, Abbau von Schwellen, ebenerdige Duschen und Aufzüge.

Interessant war auch, dass barrierefreie Wohnungen eigentlich gut im Dachgeschoss untergebracht sind, dann können Familien mit Kindern die Wohnungen mit direktem Gartenzugang beziehen. Voraussetzung ist natürlich, dass das Haus einen Aufzug hat. Oder auch, dass 2-Sinne-Prinzip für Sicherheitseinrichtungen. D.h. in einem Notfall braucht man immer Signale, die zwei verschiedene Sinne ansprechen, falls jemand beispielsweise nicht (gut) hören oder sehen kann.

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Weiter Fragen gab es zu den Finanzierungsmöglichkeiten, Pflegeberatungen, der möglicherweise erforderliche Rückbau, Demenz, ein fehlendes Register von barrierearmen Wohnungen, Angst vor Mieterhöhungen, Zugang zu Beratung, Umzug im Alter, alternative Wohnformen etc.

Mein Fazit: Wir brauchen mehr Aufklärung und Beratung!

 

Die weiteren Weltcafé-Tische diskutierten zu den Themen:

  1. Reiches Land – arme Kinder? Generationengerechtigkeit durch Bekämpfung von Kinderarmut
  2. Wir wollen mitreden! Beteiligung von Kindern und Jugendlichen

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  3. Bildungsgerechtigkeit in der Einwanderungsgesellschaft
  4. Alle mitnehmen! Erfolgreich durch die Ausbildung
  5. Alles unter einen Hut – Die grüne Zeitpolitik
  6. Fit bis zur Rente! Alters- und alternsgerechtes Arbeiten
  7. Fachkräftemangel verhindern
  8. Nachhaltige Rente? Altersarmut verhindern
  9. Gut versorgt! Gesundheit und Pflege
  10. Inklusiver Sozialraum – Quartiere barrierefrei gestalten

Berichte zu den anderen Wetlcafés finden Sie hier, weitere Fotos hier.

Ich danke allen Teilnehmenden und HelferInnen für die sehr gelungene Veranstaltung.

Fotos: © Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen

 

 

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